Kraftübertragung

Studientag zur neuen Einheitsübersetzung

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Übersetzen heißt auch, Kraft zu übertragen. Foto: fisheye / photocase
veröffentlicht am 07.12.2016
Lesezeit: ungefähr 3 Minuten

„Das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt“, so heißt es zu Beginn des Johannesevangeliums. Ach, wenn das so einfach wäre mit dem Kontakt zu Gottes Wort, wenn es doch so selbstverständlich anwesend wäre. Der Satz schildert genau das Problem: Fleisch werden meint lebendig werden und lebendig heißt vergänglich. Sprich: Das Wort bzw. die Sprache ist vergänglich und muss immer wieder neu gesprochen, neu gefunden werden. In diesen Tagen erscheint die neue Bibelübersetzung, also der neueste Versuch auf katholischer Seite, das Wort Gottes in eine Sprache zu übertragen, die heute verstanden wird, die aber auch nicht zu banal daherkommt.

von Claudia Auffenberg

Egbert Ballhorn, Professor für Exegese des Alten Testaments an der TU Dortmund, ist einer von denen, die mit dieser Aufgabe betraut waren. Er hat sich um die Psalmen gekümmert, nachdem Erich Zenger, der große Alttestamentler, gestorben war. Ballhorn erzählte jetzt beim Studientag des Instituts für Praxisforschung und bibelorientierte Praxisbegleitung der ­Katholischen Hochschule Nordrhein-­Westfalen über diese Arbeit und ihre Herausforderungen.

Wer übersetzen will, muss viele Fragen klären, darunter diese: Welche Bedeutung hatte dieses oder jenes Wort damals? Und: Welche hat es heute bzw. welches Wort hat heute diese Bedeutung? In der alten Einheitsübersetzung heißt es zum Beispiel in Psalm 16, Vers 7: „Auch mahnt mich mein Herz in der Nacht.“ Im Originaltext ist an dieser Stelle von Nieren die Rede, weil im alten Orient dort der Sitz der Emotionen war. Im Deutschen aber bringen einen nächtlich mahnende Nieren wohl auf andere Gedanken als darauf, den Herrn zu preisen. In der neuen Übersetzung heißt es nun „mein Innerstes“. In den Paulus-Briefen sind jetzt selbstverständlich auch die Schwestern genannt. Als in den 1970er-Jahren die erste Einheitsübersetzung präsentiert wurde, war das noch anders. Damals, so Ballhorn, fühlten sich die Frauen bei der Anrede „Liebe Brüder“ mit angesprochen. Das habe sich heute geändert. Klar sei aber, „dass Paulus die Schwestern mit gemeint hat, sonst wären die Gemeinden ausgestorben“.

Die Bibel zu übersetzen, hat aber auch eine mechanische Perspektive. Es gilt, die Kraft der alten Worte ins Heute zu „über-setzen“, zu übertragen, nutzbar, erfahrbar zu machen. Gelöst wurde dies u. a. durch Formulierungen, die manchmal ein bisschen merkwürdig oder altertümlich daherkommen, aber diesem Zweck dienen: „Und siehe“ steht da zum Beispiel neuerdings oder „Und es geschah.“ So wolle er Bibel lesen, sagte Ballhorn, „dass etwas geschieht.“

Zum Schluss klärte er noch ein weit verbreitetes Missverständnis auf, das gern in ökumenischen Gottesdiensten zutage tritt, wenn die Katholiken die Einheitsübersetzung nutzen wollen, weil die doch vermeintlich ökumenisch ist, und die Protestanten auf ihrem Luther beharren. Der Begriff „Einheitsübersetzung“ sei nie ökumenisch gemeint gewesen, sondern im Sinne von einheitlich. Damals war es die erste einheitliche Übersetzung für die Katholiken im deutschen Sprachraum. Weil es aber seinerzeit auf evangelischer Seite keine neue Bibelübersetzung gegeben habe, beteiligte sich die evangelische Kirche an den Psalmen und am Neuen Testament. Deswegen sei es auch nicht antiökumenisch, sondern sogar gut, dass es aktuell auch eine revidierte Luther-Übersetzung gebe. „Es gibt eben nicht nur eine gültige, authentische Übersetzung“, so Ballhorn.

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