Experiment gelungen!

650 Menschen erleben den ersten Poetry-Slam im Dom – und die Schönheit des Gotteshauses

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650 Menschen verfolgten die Auftritte der Slammer im Dom.Foto: Flüter
veröffentlicht am 02.12.2016
Lesezeit: ungefähr 4 Minuten

Paderborn. Seit Wochen waren die Tickets ausverkauft. Der „Slam im Dom“, eine Veranstaltung der Bonifatius ­GmbH, war das Kulturereignis in der Bischofsstadt. Zum ersten Mal kamen zwei Welten zusammen, die sonst eher wenig miteinander zu tun haben.

von Karl-Martin flüter

Um es gleich zu Protokoll zu geben: Es gab auch Protest gegen den „Slam im Dom“ – allerdings beschränkte er sich auf einen einsamen Mann im Paradiesportal, der in den Besuchermassen unterging. Hermann Josef Rübbelke aus Westenholz warnte mit einem Text aus den Neuen Testament davor, das Haus des Herren zur Räuberhöhle zu machen. „Ich habe nichts gegen Poetry Slam“, sagte Rübbelke, „aber bitte nicht im Dom.“

Auf viel Zustimmung ist er mit dieser Meinung nicht gestoßen. In seiner Kirchengemeinde Westenholz nicht – und auch seine Freunde, die eigentlich mit ihm gegen den Slam im Dom demonstrieren wollten, waren dann doch der Veranstaltung ferngeblieben. So stand Hermann Josef Rübbelke allein, während direkt gegenüber der Glühweinstand dicht umlagert war. „Ich bin froh, dass wenigsten keiner mit der Bierflasche in den Dom geht“, sagte er, „aber den Hut nehmen sie nicht ab. Das sollte man mal in einer Moschee machen.“

Im Dom saßen derweil schon die Vertreter der großen Mehrheit. 650 Menschen dichtgedrängt in Bänken, auf zugestellten Klappstühlen, auch auf dem Boden. Ein gesittetes, erwartungsfrohes Publikum, das ohne Getränke, ohne Snacks Platz genommen hatte.

Vorne neben dem leicht erhöhten Podium vor dem Chor sahen zwei Männer und eine Frau auf die Menschenmenge vor ihnen: der Hausherr, Domprobst Joachim Göbel, Karsten Strack, Verleger und Organisator des Slams, und Tanja Huckemann, Leiterin für den Handel in der Bonifatius GmbH. Bonifatius war bei dem Poetry-­Slam als Veranstalter aufgetreten. Die drei hatten gemeinsam den Abend vorbereitet. Aber auch sie wirkten überrascht, welche Wellen ihre Idee geschlagen hatte.

Nein, ein Risiko sei er mit der ungewohnten Veranstaltung im Dom nicht eingegangen, sagte Monsignore Joachim Göbel, er sei sich sicher, dass sich die Künstler angemessen verhalten würden.

Dennoch hörte es sich nach einer indirekten Bitte um Respekt vor dem Gotteshaus an, als der Domprobst als erster auf das Podium trat und das Publikum begrüßte. Seit 800 Jahren gebe es diesen sakralen Raum, sagte Göbel. Es sei, als ob die Gebete der Menschen in diesen Jahrhunderten „eingedunstet“ seien in die Mauern des Doms. Er fuhr fort, wenn er sehe, wie viele Menschen gekommen seien, bedauere er es, an diesem Ort nur zu predigen und nicht auch zu slammen. Damit hatte Göbel die Lacher auf seiner Seite – und wahrscheinlich viele Zuhörer hinterlassen, die sich über einen derart lockeren Domprobst wunderten.

Joachim Göbel erlebte den eigentlichen Slam im Dom nicht, wichtige Termine verhinderten seine Teilnahme. So verpasste er eine Veranstaltung, die zwischen Literaturvortrag, Sportereignis und „Deutschland sucht den Superstar“-Wettbewerb changierte. Karsten Strack war der Chef im Ring. Wie ein Boxpromoter ruft er die Slammer auf die Bühne, wie ein Kirmesverkäufer feuert er das Publikum zur Bewertung der Slams an.

Dieser Mix ist gewollt. Das Anspruchsvolle und das Billige, das Authentische und das Ironische, der sportliche Wettbewerb und die Zweckfreiheit der Kunst. Alles geht im Poetry-Slam eine Verbindung ein. Die Zuhörer und Zuschauer wollen sich unterhalten, sie suchen das emotionale und künstlerische Erlebnis, sie wollen auch selbst mitmachen. Mehrmals brandete, von Karsten Strack animiert, ein großer Beifallsschrei aus 650 Kehlen im Dom auf – etwas, was die Bischofskirche in dieser Lautstärke wohl selten erlebt hat.

Vom Eingang gesehen ragte der erleuchtete Chor hell über dem dunklen Kirchenschiff auf, als sei dieser sakrale Ort unberührt vom bunten Treiben vor ihm. Tatsächlich war es sehr weltlich, was die Slammer an diesem Abend vortrugen. Eine Slammerin kündigte einen Text über „Liebe“ an, weil das ja sehr gut in den Dom passen würde, um dann über die pubertären Freuden des ersten Kusses zu reimen. Der Gewinner des Abends, Florian Wintels, präsentierte sich als kunstfertiger, aber letztlich belangloser Wort­akro­bat. Eine Karriere im gehobenen Comedysegment wäre ihm zuzutrauen.

Vieles, was an diesem Abend geschah, blieb selbstbezogen. Die großen Themen, die die Welt bewegen – Klima, Populismus, Globalisierung – wurden nur am Rande erwähnt, als Ursache für eigene Gemütszustände. Manche Predigt im Dom ist inhaltsschwerer und auch kritischer als die Slams der jungen Leute.

Hat der einsame Protestler im Paradiesportal Recht gehabt mit seiner Befürchtung, der Dom werde als „location“ zweckentfremdet? Tatsächlich hätten die Slams ohne Verlust auch anderswo ausgetragen werden können. Andererseits: So viele Menschen, die mehr oder weniger kirchenfern sind, waren schon lange nicht mehr im Dom. Der Eindruck, den das Gotteshaus bei vielen Besuchern, auch bei den Künstlern, hinterlassen hat, war unübersehbar.

Es wäre doch schön, wenn die Slammer nach dem geglückten Experiment beim nächsten Slam mehr von ihrer Umgebung aufnehmen und in ihren Texten wiedergeben würden. Auch dann, das kann man nach diesem Abend mit Sicherheit behaupten, wäre der Dom erneut bis auf den letzten Platz gefüllt.

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