Fern, auf fremder Erde

Ein Benefizkonzert für Flüchtlinge in der Marktkirche vermittelt Trost in stürmischen Zeiten

kopie_von_10_33_marktkirche_1
Mit Barockmusik und modernen Texten beeindruckten die Künstler das Publikum. Foto: Flüter
veröffentlicht am 04.03.2016
Lesezeit: ungefähr 3 Minuten

Paderborn. Das Benefizkonzert zugunsten der Flüchtlingsinitiative „Neue Nachbarn“ in der Marktkirche hat mehr als 2 100 Euro eingebracht. Die Initiative wird das Geld vor allem für die ehrenamtliche Flüchtlingsarbeit in Paderborn verwenden. 200 Zuhörer verfolgten die Veranstaltung, die Musik aus dem Barock und eine Lesung moderner Texte vereinte.

Der Dreißigjährige Krieg, der im 17. Jahrhundert Mitteleuropa verwüstete, hat die Kunst des Barock tief geprägt. Noch Jahrzehnte nach diesem Glaubenskrieg schlugen sich die Erfahrung von Krieg, Pest, Tod und Vertreibung in den Kompositionen nachgeborener Künstler wie Dietrich Buxtehude oder Johann Pachelbel nieder. Tiefe Gläubigkeit war ihre Antwort auf die ererbten Traumata. „Sei mir ein starker Hort“ zitiert Dietrich Buxtehude in einer Solo-Kantate den Psalm 31 aus dem Alten Testament. In Paderborn diente der Vers als sinngebender Titel des Benefizkonzerts in der Marktkirche, zu dem die Kirchen, Caritas und Diakonie sowie die Stadtverwaltung eingeladen hatten.

Es war kein Zufall, dass sich der Musiker und Initiator des Konzerts Wolf-Eckart Dietrich für geistliche Musik aus dem Barock entschieden hatte, als er das Programm zusammenstellte. Obwohl Jahrhunderte zwischen der Welt des Barocks und der Gegenwart liegen: Die ernüchterte Stimmungslage ähnelt sich – mit dem Unterschied, dass wir heute ratlos nach Auswegen suchen, während die Tonkünstler des 17. Jahrhunderts auf den Glauben setzten.

Vor dem machtvoll ausladenden Prunk des barocken Hochaltars der Marktkirche entführten Wolf-Eckart Diet-rich an Orgel und Cembalo, die Sopranistin Ina Siedlaczek, Zivana und Burkhard Schmilgun (Violine) und Michael Corßen (Violoncello) in die demütige, fromme und doch musikalisch so beredte Welt von Buxtehude, Pachelbel und Arcangelo Corelli.

Die Schauspielerin Helene Grass stellte die aktuelle Verunsicherung dagegen, als sie aus Texten von Nelly Sachs, Jenny Erpenbeck und Navid Kermani las.

Jenny Erpenbecks Roman „Gehen, ging, gegangen“ blickt mit den Augen eines gutsituierten Westeuropäers auf die materiell und psychisch bodenlose Welt der Flüchtlinge.

Kermani, Friedenspreisträger 2015, wird mit seinem Bericht aus der syrischen Wüste zitiert. Dort sind christliche Mönche eine enge Verbindung mit den muslimischen Nachbarn eingegangen.

Eröffnet hatte Helene Grass die Veranstaltung mit dem Psalm 137, dem Jammer der nach Babel entführten Juden: „Wie können wir singen die Lieder des Herren, fern, auf fremder Erde?“

Die Klage über Entwurzelung, Verschleppung und Vertreibung ist so alt wie die Menschheit. Die zutiefst empfundene Nächstenliebe, die sich auch in der Kunst ausdrücken kann, führt zurück zu den Wurzeln von Toleranz und Weltoffenheit.

So getröstet lässt sich ein Alltag ertragen, der mit Nachrichten von Pogromstimmung in Sachsen, geschlossenen Grenzen auf dem Balkan und Bomben in Syrien aufwartet. Dafür ein großer Dank an die Künstler, Initiatoren und Zuhörer dieses Abends in der Paderborner Marktkirche.

Karl-Martin Flüter