Die Mitte treffen

Gedanken zu Joh 1,6-8.19-28

Damals war Johannes der Täufer ein Rufer in der Wüste. Heute womöglich auch noch? Hoffentlich nicht.

Um die Mitte zu treffen, braucht es Konzentration – beim Dartspiel, in der Kirche und im Leben. Foto: complize/photocase

 

von Wolfgang Winkelmann

Wir leben in einer Welt scheinbarer „Fülle“. Die Auslagen der Schaufenster zeigen es in diesen Wochen. Immer mehr muss in immer kürzerer Zeit wahrgenommen und an jedem Tag entschieden werden. Wer in dieser differenzierten Welt auf dem Laufenden bleiben will, hat jeden Tag eine Menge wahrzunehmen, zu unterscheiden und eine eigene Position zu finden.

So ist eben die moderne Welt der Pluralität: Auf dem Markt der Sinnangebote gibt es reichlich Auswahl. Die kirchlichen Angebote sind nur mehr eine Möglichkeit unter vielen anderen. Die Gemeinschaft der Gläubigen muss sich marktgerechter präsentieren, sagen die einen. Sie hat längst alles verspielt, sagen die anderen. Ein Füllhorn kirchlicher Initiativen und neuer Programme, gepaart mit dem Ruf nach immer mehr Bemühen zur Vorbereitung beispielsweise beim Empfang der Sakramente, nach mehr attraktiven Angeboten für Verstehende und mehr Betreuung in besonderen Situationen, nach mehr, mehr, mehr.

Daneben macht sich zunehmend Vereinsamung breit. Soziale Kontakte werden geringer, das Interesse an dem Anderen sinkt. Auch die Kirchenbesucherzahlen gehen weiter zurück. Wir leben in einer merkwürdig schillernden Welt.

Wer dem heutigen Evangelium Aufmerksamkeit schenkt, der wird in Johannes dem Täufer eine Gestalt finden, die zum Kommen Gottes in diesen Tagen des Advents einlädt. Von alters her wird er eher als rau und streng beschrieben; auf jeden Fall geht von ihm eine große Klarheit und Kraft aus, da er Zeugnis ablegt für das Licht.

Auf die Frage der Juden, wer er denn sei, entwickelt sich ein knapper Dialog. Johannes bekennt zunächst: Ich bin nicht Christus!

Damit stellt er seine Botschaft in einen größeren Zusammenhang. Er ist nicht der Erlöser. Er weist von Anfang an hin auf den Größeren!

Die Antwort ist jedoch nicht zufriedenstellend. Sie fragen weiter. Er ist auch nicht der Endzeitankündiger Elija. Die Antworten des Johannes werden immer kürzer und knapper. Er sei dies alles nicht.

Er sagt: „Ich bin die Stimme eines Rufers in der Wüste, ebnet den Weg des Herrn.“

Er begreift sich ganz und gar in seiner Sendung stehend, die von Gott ausgeht. Er erhebt eine Stimme, die in der Wüste zu hören ist.

Die Menschen, die zu ihm eilen, müssen in die Wüste. In der Wüste geschieht die Zen­trierung auf das Wesentliche, hier verschwindet Überflüssiges. In der Wüste kann ich ganz zu mir selbst kommen. Nur in der Stille kommt seine Stimme zur Geltung.

Auch wir Menschen heute erleben oft Wüstentage. In der Welt scheinbarer Fülle, in der wir uns vorfinden, gibt es hier und da auch die Stimme des Rufers in der Wüste.

Manchmal kommt es mir vor, als ob wir in der Gemeinschaft der Kirche vieles gleichzeitig zu tun versuchen. Der Mut zur Zentrierung einer einfachen und bescheidenen Lebensweise fehlt. Johannes steht in jeder Adventszeit mit seinem Ruf in der Wüste und ermutigt, aus der scheinbaren Fülle aufzubrechen in die Wüste, um dem Herrn den Weg zu ebnen.

Zukunft wird die Kirche – auch die Kirche in Paderborn – in unserer differenzierten Welt dann haben, wenn sie zentrierend auf das Wesentliche, wie Johannes der Täufer, hinweisen kann auf Christus, der allein das Licht in der Finsternis und Dunkelheit dieser Welt ist. Johannes ruft auch uns – hören wir ihn? Ich wünsche uns gerade in dieser Adventszeit einmal ein Wüstenerlebnis.

Zum Autor:

Pfarrer Wolfgang Winkelmann ist Leiter des Pastoralverbundes Siegen-Mitte.

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