Aktuelle Ausgabe
2012-20

Gedanken zum Evangelium

„… hängt euer Herz an Gott!“

Bernd Haase ist Pfarrer der Gemeinde St. Johannes Nepomuk und Leiter des Pastoralverbundes Hövelhof.

 Wir Christen sind Bürger zweier Welten. Gott aber bleibt für uns die höchste Autorität. 

von Bernd Haase 

Der 1997 verstorbene jüdische Religionswissenschaftler Pinchas Lapide, der aufgrund seiner guten Kenntnisse des Neuen Testamentes und seines Engagements für den christlich-jüdischen Dialog geschätzt und anerkannt war, hat die Antwort Jesu auf die hinterlistige Frage der Pharisäer einmal so übersetzt: „Werft dem Kaiser das Nötige vor die Füße, aber hängt euer Herz an Gott!“ 

Für einen gläubigen Juden zur Zeit Jesu grenzte es im Grunde schon an Gotteslästerung, dem Kaiser Steuern zu zahlen. Die römischen Münzen trugen Namen und Bild des regierenden Kaisers, der sich religiös verehren ließ. So wurde den Juden nicht nur immer neu die römische Besatzung und der Verlust von Freiheit und Eigenständigkeit deutlich gemacht, sondern sie mussten gegen ihre Überzeugung handeln, dass es nur einen Gott gibt und dass nichts und niemand anderes als Gott zu verehren ist; eine fast unerträgliche Schmach. Zahlte man seine Steuern aber nicht, galt man den Römern als Staatsfeind und hatte mit harten Strafen bis hin zur Todesstrafe zu rechnen.

Die Frage der Pharisäer: „Ist es nach deiner Meinung erlaubt, dem Kaiser Steuer zu zahlen, oder nicht?“ scheint Jesus in eine ausweglose Situation zu führen: Erkennt er die Steuerpflicht der Juden an, macht er sich der Gotteslästerung schuldig; erkennt er sie nicht an, macht er sich des Aufruhrs gegen Rom schuldig.

„Werft dem Kaiser das Nötige vor die Füße, aber hängt euer Herz an Gott!“ Diese Übersetzung von Pinchas Lapide zeigt, wie Jesu Antwort weit über die Frage der Pharisäer hinausweist. Damals wie heute leben glaubende Menschen in einer bürgerlichen Gesellschaft, die ihre eigenen Gesetzmäßigkeiten hat; Gesetze, die so manches Mal den religiösen Prinzipien zuwiderlaufen. Dennoch bleiben auch dem Christen seine bürgerlichen Pflichten gegenüber der Gesellschaft: der Respekt vor dem Staat, der Einsatz für das Gemeinwesen, die Beteiligung an Wahlen, die Bereitschaft zu einer aktiven Mitgestaltung der Gesellschaft und zur Übernahme von Mitverantwortung. Allerdings kann dieses Mittun auch zu Konflikten führen, wo der Anspruch Gottes, der Anspruch des Glaubens dem Anspruch der Gesellschaft widerspricht.

„Werft dem Kaiser das Nötige vor die Füße“, das heißt doch: Erfüllt eure Pflichten als Bürgerinnen und Bürger; tut das, was ihr schuldig seid; aber achtet darauf, dass euch Staat und Gemeinwesen die Freiheit lassen, nach eurem Glauben und Gewissen zu leben! Seid mit dem Herzen dabei, wenn es um staatliche und gesellschaftliche Belange geht, aber hängt euer Herz nicht daran; denn das Leben kommt von Gott, ihm gehört ihr wirklich. Und wenn ihr das erkennt, wenn ihr euer ganzes Leben unter den Anspruch Gottes stellt, dann wird die Frage nach den „Steuern“ nebensächlich. Es gilt, die „weltliche Macht“ zu respektieren und ihr das zu geben, was gefordert wird: Steuern, Respekt, mein Engagement. Aber nur Gott darf mich ganz in Anspruch nehmen. Er möchte nicht nur etwas von mir, er möchte mein Herz; nur ihm gebührt meine Anbetung, denn ihm verdanke ich mein Leben, jeden Tag neu!

„Werft dem Kaiser das Nötige vor die Füße, aber hängt euer Herz an Gott!“ Die Antwort Jesu in dieser so ganz anderen Übersetzung wirft manche Frage auf:

Wem gehöre ich wirklich? – Woran hängt mein Herz? – Wem schenke ich mich ganz? – Wo hat Gott seinen Anteil an und in meinem Leben?

Jesu Antwort reicht als Aufforderung und Anfrage bis in unser Leben hinein:  „Gebt Gott, was Gott gehört“ – „Hängt euer Herz an Gott!

 

 


24.05.2012
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