Zurück in die Zukunft?

Pastoralsynde der DDR

Rund 40 Jahre sind sie schon her, die gemeinsame Synode der (west)deutschen Bistümer, die sogenannte Würzburger Synode, und die Pastoralsynode der DDR. Aber besonders, wenn man sich mit den Texten der DDR-Synode befasst, beschleicht einen das Gefühl, hier sei auch von der Zukunft der Kirche die Rede.

Alfred Kardinal Bengsch eröffnet die zweite Vollversammlung der Pastoralsynode in der DDR. Foto: KNA

 

von Claudia Auffenberg

In der DDR lebten die Christen in einem atheistischen Umfeld. So weit ist es in Westdeutschland noch nicht, aber von einer weitgehenden Entkirchlichung kann man sicher sprechen. Auch wenn es im Sauerland oder in Ostwestfalen noch anders zu sein scheint: Die Diaspora ist mitten unter uns. Sie war schon damals die Realität der ostdeutschen Katholiken.

Der erste Beschluss der Sy­node befasst sich – ähnlich wie der aus Würzburg – mit dem Glauben der Christen. Ihm fehlt die sprachliche Wucht seines westdeutschen Pendants, er spricht eher eine einfache, aber sehr verständliche Sprache, zum Beispiel: „Jesus erschließt sich uns als liebendes Du, das den Menschen zur Antwort der Liebe einlädt. Glaube wird so zur Begegnung mit einer lebendigen Person.“

Zu den besonderen Herausforderungen unserer Zeit gehört, dass Menschen heute nicht mehr selbstverständlich katholisch sind und bleiben, sondern dass dies eine Entscheidung erfordert. „Diese Grundentscheidung kann nur vom Einzelnen als freie Tat gewagt werden“, formulierten die DDR-Synodalen 1974. Eine solche Entscheidung könne dem Einzelnen auch die Wissenschaft nicht abnehmen, im Gegenteil, sie erfordert sie geradezu: „Wissenschaft weiß um das Unvollkommene auch richtiger Erkenntnis. Sie bewahrt uns davor, die innere gedankliche Geschlossenheit von Systemen als zwingenden Beweisgrund für ihre Richtigkeit gelten zu lassen.“ Und keine wissenschaftliche Erkenntnis kann von Gott wegführen: „Letztlich ist bei jeder Entscheidung für Gott alle Wahrheit, auch die der heutigen Wissenschaft, mitbejaht.“

Die Diaspora, für katholische Gegenden oft eine Art Schreckgespenst, beschreibt der Beschluss als Chance. Genutzt wird die Formulierung der kleinen Herde, die hierzulande bisweilen allergische Reaktionen hervorruft, wenn damit der Rückzug der Aufrechten aus der bösen Welt beschrieben wird, gewissermaßen als pastorales Ziel eine von Wankelmütigen und Gelegenheitschristen gereinigten Gemeinde. Die Diaspora, also die Zerstreuung, ermöglicht aus damaliger Sicht, dass das Evangelium an allen Orten bekannt gemacht werden kann: „Durch gläubige Christen in der Diaspora wird der Geist des Evangeliums in einer nicht christlichen Umwelt gegenwärtig.“ Darüber hinaus lasse ein Leben unter Nichtchristen erkennen, dass der Geist Gottes auch außerhalb der christlichen Gemeinden wirke. Damit greift die Synode einen Gedanken auf, den Papst Johannes XXIII. in der Eröffnungsansprache des Konzils aussprach und der damals bei manchen den Eindruck verschärfte, dieser Papst sei womöglich nicht richtig katholisch: Heil auch außerhalb der Kirche???

Es ist faszinierend und ein bisschen frustrierend, die alten Texte zu lesen. Die Sorge, dass bei solchen Vorhaben wie dem „synodalen Weg“ nur über Strukturen geredet würde, muss man nicht haben, eher schon diese: dass die guten Texte und Ideen am Ende schubladisiert werden, wie man das in der Schweiz so sagt.

Diesen Artikel teilen:

Ähnliche Artikel