Zum Opfer bereit

von Claudia Auffenberg

Vor der NRW-Wahl gab es im WDR eine Reportage, in der die beiden Spitzenkandidaten einige Wochen begleitet wurden. In einer Szene sah man Armin Laschet nach dem „TV-Duell“.

Erschöpft und zugleich noch angespannt kam er zu seinen Leuten und atmete erst einmal tief durch. Eine irgendwie beruhigende Szene: Auch Politiker also sind Menschen, die doch nicht einfach alles aus dem Ärmel schütteln oder sich von nichts und niemandem berühren lassen. Am Wahlabend dann konnte man das im anderen politischen Lager sehen: Silvia Löhrmann, geradezu nach Luft schnappend, später eine irgendwie doch tapfere Ministerpräsidentin. Beide hatten gewiss angenehmere Fernseh­auftritte.

Armin Laschets Ehefrau Susanne sagte jetzt in einem Interview, sie empfinde Mitleid mit Hannelore Kraft. Sie kenne – wenn auch nur aus Sicht des Ehepartners – dieses Gefühl der Niederlage: „Ich weiß, wie schrecklich es ist, wenn man auf die Schnauze fällt und alle gucken dabei zu.“

Das gehöre nun mal zur Demokratie, sagt man in solchen Fällen, und genauso ist es. Sicher darf man in Zeiten wie diesen, in denen manche die Demokratie infrage stellen, einmal innehalten und sich bewusst machen, was Politiker sich und ihren Familien zumuten. Und gerade dann muss man sagen: Die Opferbereitschaft ist eine Art Kollateralbegabung echter Demokraten. Denn in Politik (und Kirche und Nachbarschaft) gibt es ja auch immer mal Menschen, die aus dem Leiden Kraft ziehen, die so gern Opfer sind, weil sie das vielleicht sogar als gottgewollt verstehen. Immerhin werden doch viele Märtyrer besonders verehrt. Aber es gibt eben diesen feinen Unterschied zwischen Bereitschaft und Anstreben. Hannelore Kraft wollte gewinnen, aber sie war bereit zu verlieren.

Wer gern Märtyrer sein will, ist es schon nicht mehr. Er ist ein Egoist auf dem Weg zum Tyrannen. Das kann man in den Nachrichten täglich betrachten.

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