XXL-Gemeinden und „Helikopterpriester“

Bischöfe befassen sich mit dem Wandel des Priesterberufes

Bergisch Gladbach (KNA/EB). Gemeinden leiten, predigen, Eucharistie feiern, Kranke salben und andere Sakramente spenden – Priester ist ein vielfältiger Beruf. Doch immer weniger katholische Männer wollen ihn ergreifen und dabei auch ehelos leben. Viele Bistümer reagieren mit XXL-Gemeinden. Aus den Dorfpfarrern von einst sind Manager mit großen Teams geworden.

Der Vorsitzende der Bischofskonferenz, Kardinal Reinhard Marx (l.), und Bischof Felix Genn in Bergisch Gladbach.Foto: KNA

 

Mit diesem Wandel des Priesterberufes befasste sich die Bischofskonferenz bei einem Studientag während ihres Frühjahrstreffens in Bergisch Gladbach (Bensberg). Die 65 Bischöfe sind in Sorge, wie es mit immer weniger Priestern weitergehen soll. Und wie auch die Geistlichen damit klarkommen, wenn sie den Menschen in vielen Orten nahe sein sollen. Das Wort vom „Helikopterpriester“ macht die Runde, der kurz zu Seelsorgeeinsätzen „einfliegt“ – und schnell wieder weg ist.

Seit den 1990er-Jahren sinkt die Zahl der Neupriester. 2015 erreichte sie bundesweit einen Tiefststand von 58, stieg aber 2016 wieder auf 80. Doch damit lassen sich die Lücken der Ruheständler kaum schließen. Und durch anderes Seelsorgepersonal sind katholische Priester nur bedingt zu ersetzen. Allein sie dürfen der heiligen Messe mit der Eucharistie vorstehen, die nach kirchlicher Lehre konstitutiv ist für eine Gemeinde.

Bislang haben viele Bistümer zu ähnlichen Rezepten gegriffen und Großpfarreien oder pastorale Räume gegründet. Trotzdem wird das Personal knapp. Und bei den Priestern kommen die neuen Strukturen oft nicht gut an. So nennt sich ein Geistlicher spöttelnd „Raumpfleger“.

Die Bischöfe können sich indes keine Priester aus den Rippen schneiden und setzen unter anderem darauf, dass Laien die Präsenz der Kirche sichern. „Jeder Getaufte ist für den anderen Seelsorger“, betont Hartmut Niehues. Er ist Vorsitzender der Regentenkonferenz, der die Leiter der Priesterseminare angehören. Aufgabe des Priesters müsse es künftig sein, die Getauften „in ihrem Dienst für die anderen zu stärken“.

Demgegenüber steht eine andere Erfahrung – dass Priester nur noch bedingt gefragt sind. „90 Prozent unserer Leute nehmen sonntags nicht an der Eucharistie teil. Beichte und Krankensalbung sind selten geworden“, bilanziert Niehues. Er fragt sich, ob noch viele Menschen damit rechnen, dass Gott in sakramentalen Zeichen erfahrbar ist.Der Studienhalbtag in Bergisch Gladbach knüpfte an den „Brief der deutschen Bischöfe an die Priester“ (2012) und an ihr Wort „Gemeinsam Kirche sein“ (2015) zur Erneuerung der Pastoral an. Bischof Dr. Felix Genn, Vorsitzender der Kommission für Geistliche Berufe und Kirchliche Dienste, wies auf das qualitativ neue Niveau der Erwartungen und Anforderungen hin, welches die Gläubigen und die Bischöfe von den Priestern erwarten. Angesichts dessen erweise sich das Leitbild einer umfassenden seelsorglichen Verantwortung nicht selten als menschliche und geistliche Überforderung. „Herkömmliche Leitbilder vom Pfarrersein tragen nicht mehr“, so Genn.

Der Freiburger Weihbischof Dr. Michael Gerber meinte, das Schwinden eines Bewusstseins – bis in den Kern der Gemeinden hinein – für die sa­kramentale Grundstruktur der Kirche und damit für eine unterscheidend priesterliche Lebensform verunsichere die Priester und lasse sie die Sinnhaftigkeit ihres Dienstes hinterfragen. „Wo aber das Bewusstsein dafür geringer wird, dass es Jesus Christus selbst ist, der vorrangig in der Kirche handelt, werden der priesterliche Dienst und überhaupt jede Form von Seelsorge rasch eine Überforderung. Priester geraten dann schnell in die Rolle entweder des Opfers oder des Machers“, so Gerber. Er nannte als Aufgabe, für ein tragfähiges Beziehungsnetz und menschliche Rahmenbedingungen in der Pastoral zu sorgen.Bischof Genn fasste die Diskussion zusammen und nahm folgende Anregungen für die weitere Arbeit der Kommission für Geistliche Berufe und Kirchliche Dienste auf: Aus dem Wort der deutschen Bischöfe zur Erneuerung der Pastoral „Gemeinsam Kirche sein“ (2015) müssten konkretisierende Folgerungen gezogen werden. Dabei müsse dem besonderen Dienstamt des Priesters, das für die Authentizität der Kirche notwendig ist, gesteigerte Aufmerksamkeit geschenkt werden.

Vorrangig muss das Verhältnis geklärt werden zwischen der in der Weihe verliehenen Teilhabe an der Leitung der Kirche einerseits und andererseits den vielfältigen Formen von kirchlichen Leitungsfunktionen bei den Laien. Die Tätigkeit des Priesters dürfe nicht reduziert werden auf Modelle erfolgskontrollierten Handelns. „Die Suche nach der priesterlichen Identität muss immer beachten, dass sie ein Sakrament und somit ein Geschenk Christi an seine Kirche ist“, so Genn.

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