Wohnst du noch oder lebst du schon?

Gedanken zu Joh 14,23-29

Menschen suchen Wohnungen, Gott findet sie: bei den Menschen. Foto: picture-alliance

 

Seit unserer Taufe wohnt Jesus in uns. Wir sind sein ­lebendiger Tabernakel.

Mit diesem Slogan warb vor einigen Jahren ein großes bekanntes Möbelhaus. In der Logik dieses genialen Slogans wird den Menschen der Sinn des Lebens angeboten. Wer also nicht nur langweilig und sinnlos wohnen will, sondern wirklich sinnvoll leben will, der soll sich in dieser Logik gefälligst neue Möbel kaufen, was uns ein neues Lebensgefühl verheißt.

Ob der Werbeslogan hält, was er verspricht, bleibt dahingestellt. Doch wer den Sinn seines Lebens, wer ein erfülltes Leben nicht ausschließlich auf Möbelhäuser aufbauen möchte, dem gibt kein Geringerer als Jesus selbst diese Worte mit auf den Weg: „Wenn jemand mich liebt, wird er an meinem Wort festhalten; mein Vater wird ihn lieben und wir werden zu ihm kommen und bei ihm wohnen.“ Diese Worte richtet er an seine Jünger, um sie auf die Zeit vorzubereiten, wenn er nicht mehr leibhaftig unter ihnen wohnt. Er gibt ihnen sogar eine unmissverständliche Zusage mit auf den Weg: „Frieden hinterlasse ich euch, meinen Frieden gebe ich euch; nicht einen Frieden, wie die Welt ihn gibt, gebe ich euch.“

Das ist kein Slogan, der morgen schon wieder zu Schall und Rauch wird. Sondern das sind Worte, auf denen ich mein Leben aufbauen kann, die mir Halt und Sicherheit geben, die mich zutiefst mit Sinn und Leben erfüllen. Der Friede Gottes ist es, der meiner Wohnung, meinem Leben Harmonie und Glück verheißt. Der Friede Gottes ist es, der mir Sicherheit und Geborgenheit schenkt. Wer von Kopf bis Fuß erfüllt ist von der Gegenwart Gottes, der ist ein wirklicher Tabernakel (lat. tabernakulum: dt. Zelt) des Herrn. Der heilige Johannes XXIII. umschreibt es so: „Schmücke mein Herz, Herr, mit deiner Gegenwart; verwandle es in eine Wohnung für dich! Du bist der Gast, den ich erwarte, der Freund, der bei mir bleiben soll. Dir, dem ein Palast gebührt, habe ich nur eine ärmliche Hütte anzubieten. Ich schmücke mein Haus mit Sehnsucht und Verlangen. Dann wird der Glanz des Himmels meine Wohnung erhellen. Mein Haus wird eine Kathedrale sein, mein Herz ein Tabernakel. Schmücke mein Herz, Herr, mit deiner Gegenwart, verwandle es in eine Wohnung für dich. Amen.“

Auch der Apostel Paulus spricht davon, dass Gott in den Menschen wohnt: „Wisst ihr nicht, dass ihr Gottes Tempel seid und der Geist Gottes in euch wohnt?“ – Wenn Jesus davon spricht, dass er in uns wohnen will, dann löst er das alttestamentliche Bild des Wohnens Gottes unter den Menschen ausschließlich im Tempel von Jerusalem ab. Vielmehr ergänzt er dieses Bild, indem er jedem Menschen zusagt, dass Gott in ihm wohnen will. Wenn wir der Tempel Gottes sind, dann ist damit auch ein Auftrag an uns verbunden: Verstecke den Gott deines Lebens nicht in deiner Wohnung! Zeige, dass Gott in dein Leben eingetreten und für dich zum Sinnstifter geworden ist, dass er dich erfüllt und glücklich macht! Auch unsere Gemeinden und kirchlichen Einrichtungen sind herausgefordert, sich zu fragen, inwieweit Gott in ihnen lebt und erfahrbar wird.

„Wohnst du noch oder lebst du schon?“ – Wenn wir nicht den Werbeslogans von Möbelhäusern die Sinnstiftung unseres Lebens überlassen wollen, dann können wir uns an den Worten der spanischen Mystikerin Teresa von Avila (1582) orientieren, die Gott als den Sinnstifter ihres Le­bens entdeckt hat: „Hätte ich früher erkannt, dass der winzige Palast meiner Seele einen so großen König beherbergt, dann hätte ich ihn dort nicht so häufig allein gelassen.“

Stephan Schröder

Leiter der Jugendbildungsstätte Hardehausen und Diözesanjugendpfarrer im Erzbistum Paderborn.

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