„Wir sind hier, wir sind laut ...“

Der Klimaprotest der Schüler greift um sich / Starke Beteiligung der Kirchen

Aus allen Generationen beteiligten sich am Freitag vergangener Woche Menschen in Paderborn (Foto oben) und in Dortmund am Klimaprotest. Fotos: Flüter / Bodin (pdp)

 

Erzbistum. Millionen von Menschen gingen vergangene Woche weltweit auf die Straßen, um für mehr Klimaschutz zu demonstrieren. Und es waren nicht mehr nur junge Menschen. In Westfalen gab es auch eine starke Beteiligung der Kirchen am Klimaprotest.

von Karl-Martin Flüter, Michael Bodin und Matthias Nückel

Man weiß ja in diesen Zeiten nicht, ob es ein wirklich gutes Zeichen war, dass die Sonne beim Start der „Fridays for Future“-­Kundgebung vor dem Dom in Paderborn hell und sommerlich heiß schien. Dennoch: Der Überzeugungskraft der Argumente und der unerwartet hohen Teilnehmerzahl hat das schöne Wetter beim Klimastreik bestimmt nicht geschadet.

Mehr als 2 000 Paderborner versammelten sich am vergangenen Freitag vor dem Diözesanmuseum zu der Kundgebung, die Teil des weltweiten eintägigen Klimastreiks war – darunter nicht nur Schüler, sondern ein breiter Durchschnitt der Gesellschaft, auch „Eltern und Großeltern“, wie Laetitia Wendt vom Organisationsteam bekannt gab.

Viele Klima-Demonstranten hatten noch morgens in der Zeitung lesen können, dass Erzbischof Hans-Josef Becker sich überaus positiv über die Anliegen der „Fridays for Future“-­Bewegung geäußert hatte. Das Engagement beeindrucke ihn, „vielleicht auch, weil es mich zum Nachdenken anregt“, hatte Becker gesagt (siehe Seite 10). Auf so viel Verständnis und Unterstützung sind die jungen Leute anfangs nicht gestoßen, als in der öffentlichen Diskussion vor allem die Fehlstunden in der Schule kritisch angemerkt wurden. Die Überzeugung, dass die Schüler es ernst meinen, verbreitet sich und zwingt selbst die Große Koalition in Berlin dazu, klimapolitisch Farbe zu bekennen.

Die Paderborner Organisatoren hatten in den Tagen zuvor viel Arbeit geleistet. Und auch in diesem Bereich zeigten die Schüler, dass sie ihre Aufgaben professionell angehen. Die Kundgebung auf dem Marktplatz, die Demonstration durch die Innenstadt sowie die abschließende Veranstaltung wieder auf dem Marktplatz liefen reibungslos ab, obwohl mehr als doppelt so viel Menschen gekommen waren als die 600, von denen die Veranstalter ausgegangen waren.

„#AlleFürsKlima“ hieß das Motto des Klimastreiks, den die weltweit vernetzte Schülerbewegung ausgerufen hatte. „In 2 000 Städten, Paderborn, Berlin, New York“ seien Menschen auf die Straße gegangen, hieß es stolz.

Am folgenden Tag, dem Samstag, fand in New York ein Klimatreffen von jungen Klimaaktivisten aus aller Welt statt. Den Berufspolitikern, die sich montags drauf bei der UN in New York zu einem Klimagipfel trafen, machten sie ordentlich Druck. Bei UN-Chef António Guterres kommen ihre Forderungen jedenfalls gut an, wie er mitteilte.

Der Protest gegen die Klimakrise, den die heute 16-jährige Greta Thunberg vor erst zehn Monaten losgetreten hat, als sie sich mit einem Plakat vor das Stockholmer Parlament stellte, hat längst überall auf der Welt Menschen aus allen Altersgruppen ergriffen. Am Freitag hatten die Jungen auch die Älteren eingeladen – erfolgreich, denn auch in Paderborn waren in der Menge viele graue Haarschöpfe auszumachen. Die Schülerin Laetitia Wendt freute sich wie die anderen im Organisationsteam über die deutliche Anhebung des Altersdurchschnitts: „Das sind viel mehr Erwachsene, als wir erwartet haben.“

Geredet haben jedoch fast nur die Jungen. Deutlich wurde die Unzufriedenheit mit der Berliner Politik geäußert. Der Vorwurf lautete, dass die Regierungen die Klimapolitik lange Zeit mehr oder weniger tatenlos ausgesessen haben, und als völlig unzureichend wurden die aktuellen Klimapläne der Berliner Koalition beurteilt.

Einige Themen waren Paderborn-­spezifisch, so der Hinweis auf Clemens Tönnies, dem „Rassismus“ gegen Afrikaner, den „Opfern des Klimawandels“, vorgeworfen wurde. Tönnies, umstrittener Fleisch-­Unternehmer aus Rheda-­Wiedenbrück, war wegen rassistischer Passagen über Menschen in Afrika während einer Rede zu Libori 2019 massiv kritisiert worden.

Auffällig war die Ausweitung der Kritik auf grundsätzliche Perspektiven. Eingefordert wurde nicht nur eine ernsthafte Klimapolitik, die die Erderwärmung auf höchstens 1,5 Grad Celsius begrenzt, und ein anderer, verzichtgeprägter Lebenswandel. Viele „Fridays for Future“-­Redner haben den Kapitalismus selbst als Hauptproblem ausgemacht. Sie wollen einen gesellschaftlichen Wandel oder gleich ein neues Wirtschaftssystem. Dahinter steckt offenbar die Erkenntnis, dass eine CO2-neutrale Gesellschaft in einer wachstumsgetriebenen Ökonomie nicht möglich ist. Diese grundsätzliche Position ist verhältnismäßig neu bei den „Fridays for Future“-­Kundgebungen.

All dem haftet der Charme eines Neuaufbruchs an – und trotz des schweren Themas prägen Spontanität und Unbekümmertheit die jugendlichen Proteste. Die Teilnehmer übten schon vor der Demo die gängigen Parolen wie „Hopp, hopp, hopp / Kohle stopp“ oder das Bekenntnis „Wir sind hier, wir sind laut, weil ihr uns die Zukunft klaut“ – was man so singt, wenn man mit Zweitausend und vielen Plakaten durch die Innenstadt zieht. Den älteren Teilnehmern war der Stolz auf den engagierten Nachwuchs anzusehen.

Der Umzug endete vorm Paderborner Dom mit einer Open-­Air-Party. Zum Feiern hatten die jungen Aktivisten allen Grund. Spätestens seit dem vergangenen Wochenende ist „Fridays for Future“ in Paderborn wie überall in der Welt Motor der weltweiten Klimabewegung.

Ein weiterer Schwerpunkt der Klimaproteste im Erzbistum Paderborn war Dortmund. Dort unterstützten katholische und evangelische Christen gemeinsam die weltweiten Aktionen von „Fridays for Future“. Zusammen mit Annette Kurschus, Präses der Evangelischen Kirche von Westfalen, erinnerte der stellvertretende Stadtdechant Ansgar Schocke bei einer ökumenischen Andacht an der Stadtkirche St. Reinoldi an den christlichen Auftrag zur Bewahrung der Schöpfung.

„Gott schuf den Menschen, dass er die Schöpfung bebaue und bewahre“, sagte Kurschus vor den rund 200 Teilnehme­rinnen und Teilnehmern der Initiativen „Churches for ­Future“ und „Christians for ­Future“. Pfarrer Schocke trug Auszüge aus dem Sonnengesang des heiligen Franziskus vor. Das Gebet ist ein Loblied der Geschöpfe und führt hin zu einem familiären Umgang mit allem, was Gott geschaffen hat.

Nach dieser Andacht reihten sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer in die große Demonstration zum Klimastreik in Dortmund ein, zu der sich nach Angaben der Polizei 9 000 Menschen auf dem Friedensplatz versammelt hatten. „Der Platz ist voll“, freute sich eine junge Rednerin auf dem Friedensplatz und sprach sogar von fast 30 000 Demons­trierenden. Nach der Kundgebung bildeten diese eine Menschenkette um den Wall.

Wie in Dortmund, so beteiligen sich Kirchengemeinden und kirchliche Initiativen quer durch die Bundesrepu­blik mit Aktionen, Andachten, Gebeten, dem Läuten von Kirchenglocken oder durch die Unterstützung von Demons­trationen vor Ort an den Klimaprotesten. In Westfalen hatte die Präses der Evangelischen Kirche von Westfalen, Annette Kurschus, Gemeinden und Kirchenkreise dazu aufgerufen, die Anliegen von „Fridays for Future“ zu unterstützen. „Als Kirche stellen wir uns an die Seite der Jugendlichen und unterstützen ihre Anliegen. Ihre und unser aller Zukunft darf nicht zerstört werden!“, erklärt die Präses.

In der Stadt und im Kreis Paderborn beteiligen sich evangelische und katholische Kirchengemeinden mit Glockenläuten von 11.45 bis 11.55 Uhr und anschließenden Andachten um 11.55 Uhr an der Aktion. Dazu gehören zum Beispiel die evangelische Kirche des Pfarrbezirkes Altenbeken, die Erlöserkirche der Evangelisch-Lutherischen Kirchengemeinde Elsen und die katholische St.-Dionysius-­Kirche, die Gaukirche der katholischen Liboriuspfarrei, mit Andacht und die katholischen Kirchen der Pfarrei Hl. Martin Schloß Neuhaus. Andachten wurden auch in anderen Teilen des Erzbistums gefeiert, wie etwa in der St.-Paulus-­Kirche in Menden.

Mit dem Glockenläuten von 11.45 bis 11.55 Uhr sollte hörbar deutlich gemacht werden, dass es in Sachen Klimaschutz 5 vor 12 ist.

Ein sichtbares, dauerhaftes Zeichen zum Weltklimatag setzte die Kolpingsfamilie Iserlohn. Junge und ältere Kolping-­Mitglieder pflanzten vor dem Forum St. Pankratius bei der St.-Aloysius-Kirche gemeinsam einen Kugeltrompetenbaum. Als Leitwort diente ein Satz von Adolph Kolping: „An Gott liegt nicht die Schuld, dass es so aussieht in der Welt, wie es eben aussieht“.

Auf Bundesebene unterstützten auch einige Bischöfe die Klimaproteste. Der Münchner Kardinal Reinhard Marx würdigte das Engagement junger Menschen für den Erhalt der Schöpfung. „Es freut mich, was in den ‚Fridays for Future‘-Demonstrationen stattfindet. Wir wollen das als Kirche begleiten und ermutigen“, sagte der Erzbischof bei einem Gottesdienst anlässlich des zehnjährigen Bestehens des internationalen Freiwilligendienstes der Erzdiözese in München. Um die Erde als „gemeinsames Haus der Schöpfung“ zu bewahren, seien gemeinsames Denken und globales Handeln wichtig.

Der Passauer Bischof Stefan Oster setzte ein ganz starkes Zeichen. Oster, der auch Jugendbischof der Deutschen Bischofs­konferenz ist, beteiligte sich an einer Demonstration der „Fridays for Future“-­Bewegung. Zusammen mit Jugendlichen hielt er an der Spitze des Zuges durch Passau ein Transparent mit der Aufschrift „Act now“ (Handelt jetzt) fest.

Oster begründete seine Teilnahme mit den Worten, er fühle sich als Jugendbischof der Deutschen Bischofskonferenz den Anliegen der jungen Menschen verbunden. Als gläubiger Mensch wisse er um die Schöpfungsverantwortung, bei der die Kirche und auch sein Bistum nicht untätig seien. Von den „Fridays for Future“-Anhängern habe er aber die Dringlichkeit des Pro­blems gelernt.

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