„Wir haben alle sehr viel gelernt“

Ein Jahr Flüchtlinge in Deutschland: Drei ehrenamtliche Helferinnen berichten über ihren Alltag

Die Bearbeitung von Behördenschreiben und Kontakt zu Ämtern: Das macht den Großteil der Zeit aus, die Conni Pätzold bei den Flüchtlingen im früheren Klarissenkloster verbringt. Foto: Flütern

 

Paderborn. Tausende von ehrenamtlichen Helfern betreuen und unterstützen geflüchtete Menschen. Ohne sie wäre die Integration von Migranten in die deutsche Gesellschaft nicht denkbar. Doch wie geht es den Helfern ein Jahr nach dem Herbst 2015? Was haben Sie erreicht? Wie erschöpft sind sie? Glauben sie an Angela Merkels Worte „Wir schaffen das“? Unsere Reportage berichtet über drei ehrenamtliche Helferinnen in Paderborn und ihren ganz normalen Flüchtlingsalltag.

von Karl-Martin Flüter

Rita Jerrentrup packt ihre Tasche auf das Rad. Sie muss noch zum Klarissenkloster, bevor sich am Abend die Koordinatorengruppe der Flüchtlingshelfer trifft.

Einer der Männer im Kloster hat von der Arbeitsagentur die Aufforderung zu einem verbindlichen Sprach- und Integrationskurs erhalten, ist aber schon an anderer Stelle angemeldet.

Dass muss geklärt werden, sonst drohen empfindliche Sanktionen. Dazu brauchen die Behörden Bescheinigungen, Unterschriften und schriftliche Erklärungen.

Wie soll das ein Mann schaffen, der erst seit einigen Monaten in Deutschland lebt und die Sprache kaum spricht? Selbst für Rita Jerrentrup ist das nicht ohne großen Aufwand zu schaffen.

Sie muss mit den beiden In­stitutionen mehrmals telefonieren und Mails senden, immer wieder das Anliegen erklären und die vielen Dokumente richtig ausfüllen. „Alles wie immer“, sagt sie – willkommen im Alltag einer deutschen Flüchtlingshelferin. Rita Jerrentrup ist eine von drei Frauen, die den Flüchtlingen im ehemaligen Paderborner Klarissenkloster helfen. Ulrike Krause, Conni Pätzold und Rita Jerrentrup bezeichnen sich selbst als „Patinnen“ der geflüchteten Menschen. Es waren mal mehr als ein Dutzend Paderbornerinnen und Paderborner, die sich vor fast einem Jahr als Unterstützerkreis für die neuen Mitbürger zusammengetan haben. Die drei Frauen und zwei junge Männer, die regelmäßig zum Fußballspielen vorbeikommen, sind geblieben.

In den letzten Tagen gab es neue Interessenten, Nachbarn aus dem Riemekeviertel haben ihr Interesse bekundet, ebenfalls im Klarissenkloster zu helfen.

Bei den drei jetzigen Patinnen hat das für Erleichterung gesorgt. Sie hatten ihre Einsätze aufgeteilt. Jede von ihnen war für eine der drei Familien im früheren Kloster verantwortlich. Außerdem betreuten sie eine weitere, bereits ausgezogene Familie. Doch dann wurden ihre Pläne schon wieder über den Haufen geworden: eine neue Familie ist eingezogen. Mit neuen Helfern könnte der erhöhte Aufwand besser zu schaffen sein. Was aber ist, wenn Planungen Realität werden, das Klarissenkloster von derzeit 19 auf bis zu 60 Flüchtlinge auszubauen?

Die Stadt Paderborn wird auch in Zukunft im Klarissenkloster wie anderswo auf die Unterstützung von Ehrenamtlichen angewiesen sein – so wie sie ohne die freiwilligen Helfer nicht die besonderen Herausforderungen gemeistert hätte, als im Sommer und im Herbst 2015 die Flüchtlingszahlen im Kreis Paderborn plötzlich auf mehr als 3 000 Menschen hochschnellte.

Im Riemekeviertel ist die Arbeit für Flüchtlinge eine Art Nachbarschaftshilfe. Es haben sich mehrere Gruppen gebildet, die jeweils eine Unterkunft in ihrer Nähe betreuen. Auch die drei Frauen wohnen unweit des Klarissenklosters.

Ulrike Krause hat im Herbst 2015 die Informationsveranstaltung besucht, bei der die Stadt Paderborn die Anwohner im Riemekeviertel über den Einzug von geflüchteten Menschen im 2014 aufgelösten Klarissenkloster informierte. Wenig später war sie eine der Teilnehmerinnen bei einem ersten Treffen für Paderborner, die sich für eine ehrenamtliche Aufgabe in der neuen Flüchtlingsunterkunft interessierten. „Weihnachten bin ich dann alleine zum Kloster gegangen“, erinnert sie sich. „Ich wollte eine Stunde bleiben, doch dann sind vier Stunden daraus geworden. Danach bin ich regelmäßig zum Kloster gegangen.“

An dem ersten Treffen, das Ulrike Krause besucht hatte, hatten 30 Interessierte teilgenommen. Dem ersten festen Unterstützerkreis gehörten zwölf ehrenamtliche Helfer an. Doch diese Zahl schrumpfte im Laufe der Zeit. Zuletzt blieben Ulrike Krause, Conni Pätzold und Rita Jerrentrup übrig – bis sich vor wenigen Tagen die neuen möglichen Helfer meldeten.

„Man kann Ehrenamtliche nicht zur Arbeit verpflichten“, sagt Ulrike Krause. „Jeder hilft so lange und so viel er kann.“ Dennoch ist den drei Frauen anzumerken, dass sie sich auf Dauer etwas alleingelassen fühlten. Die Arbeit drohte ihnen über den Kopf zu wachsen. Wären da nicht die Flüchtlingskoordinatoren der Stadt Paderborn gewesen, die immer ansprechbar sind und auf Anfrage vorbeikommen – wer weiß, was aus der Unterstützergruppe geworden wäre.

Auch Conni Pätzold ist irgendwann einfach zum Klarissenkloster gegangen. Sie wollte Sprachunterricht geben. „Aber es gab schon Sprachkurse“, sagt die Lehrerin. „Die Leute im Kloster brauchten vor allem Hilfe im Alltag.“ So wurde sie eine Alltagsbegleiterin von Flüchtlingen.

Ulrike Krause hat eine ähnliche Erfahrung gemacht. Sie wollte anfangs Spiele für die Kinder im Klarissenkloster organisieren. „Ich dachte, so könnte ich mich am besten einbringen“, erinnert sich die Erzieherin, die bei Kolping engagiert ist. Auch sie merkte, dass ganz praktische Hilfe im Alltag nötig war: „Spiele waren nicht gefragt. Die Leute wollten vor allem ankommen.“

Rita Jerrentrup ist ein wenig später zu der Gruppe gestoßen. Auch sie kennt die Menschen im Riemekeviertel sehr gut. Als Mitglied im Leitungsteam der Katholischen Frauengemeinschaft (kfd) St. Laurentius hat sie Zugang zu einem sozialen und gemeindenahen Netzwerk, das sie gut nutzen kann.

Weil sie im Ruhestand ist, übernimmt sie Termine, die die beiden anderen berufstätigen Frauen tagsüber nicht erledigen können.

„Man weiß nicht, was aus einer scheinbar einfachen Aufgabe werden kann“, sagt Rita Jerrentrup. „Oft kommt dann ein Rattenschwanz von Problemen und Fragen hinterher.“ Das kostet Nerven und Zeit, viel mehr Zeit als geplant.

Die ganze Reportage lesen Sie im Dom Nr. 38 vom 18 September 2016

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