Wie Tetzel zum Buhmann wurde

Der Ablassprediger und sein Nachleben in der Erinnerungskultur

Bonn (KNA). Johann Tetzel ist unverhandelbarer Teil der Reformationsgeschichte. Schließlich war er es doch, der mit seinen übertriebenen Ablasspredigten nicht nur den Menschen das Geld aus der Tasche zog – nein, er machte Martin Luther so wütend, dass dieser 95 Thesen konzipierte, die den Beginn der Reformation markierten. Er ist in die Geschichte eingegangen als marktschreierischer, dumm-dreister Ablasskrämer, neben dem sich die Lichtgestalt Martin Luthers umso heller abhebt. Soweit die Legende. Aber stimmt das denn auch?

Die Wittenberger Stadtkirche St. Marien. Foto: KNA

 

Seit rund 500 Jahren ranken sich viele Mythen und Vorurteile um Tetzel, sodass die Person dahinter kaum zu erkennen ist. Wann er genau geboren wurde, ist nicht bekannt, es muss um 1465 im sächsischen Pirna gewesen sein. Wie er aussah? Auch das weiß man nicht. Es gab keine Veranlassung, ihn zu malen, denn dafür war er nicht wichtig genug, meint Enno Bünz, Professor für sächsische Landesgeschichte an der Universität Leipzig. Überhaupt, so Bünz weiter: Wenn sich die Lebenswege Luthers und Tetzels nicht zufällig gekreuzt hätten, wäre der Ablassprediger gar nicht in die Geschichte eingegangen.

Teil der vor allem protestantischen Erinnerungskultur wurde der Dominikaner eigentlich erst hundert Jahre nach seinem Tod 1519, fand der Historiker und Ausstellungskurator Hartmut Kühne heraus. Er bereitet die Ausstellung „Tetzel – Ablass – Fegefeuer“ vor, die ab September 2017 im brandenburgischen Jüterbog gezeigt wird. Zu sehen sein werden unter anderem Tetzels 106 Gegenthesen in einem Originaldruck: Tetzels Antwort auf Luthers 95 Thesen.

Anfang des 16. Jahrhunderts war die Aufgabe eines Ablasskommissars noch mit einem hohen Prestige verbunden. Voraussetzung waren eine fundierte theologische Grundausbildung, Organisationstalent und gute Kontakte, denn er musste mit den Obrigkeiten vor Ort über die Zulassung des Ablasses verhandeln, dann Ankündigungsposter, Schriften und Beichtzettel drucken lassen und Beichtväter anstellen, die den Gläubigen die Beichte abnahmen, bevor sie den Ablass empfangen konnten. Auch war der Ablasskommissar dafür zuständig, die Liturgie rund um die Ablasspredigt zu organisieren, also Gottesdienste, Andachten und Prozessionen, die die Ablasskampagnen der damaligen Zeit zu einem interaktiven Multimedia-Event machten.

Als Johann Tetzel 1505 in den Dienst des Deutschen Ordens trat, der damals einen Kreuzzugsablass im Reich verkündigte, fand er sein eigentliches Betätigungsfeld. Er war als Ablasskommissar ein voller Erfolg. Als Papst Leo X. den Ablass für den Neubau der römischen Peterskirche in ganz Europa verkündigen ließ, war der Dominikaner wieder dabei. Im Mai 1516 fiel Tetzel dem späteren Reformator Luther zum ersten Mal unangenehm auf, so der Mainzer Kirchenhistoriker Wolfgang Breul. Damals kündigte Luther an, „nun will ich der Paucke ein Loch machen.“ Das ist ihm dann auch voll umfänglich gelungen.

Mit seinen 95 Thesen konnte Martin Luther einen großen Erfolg verbuchen, Johann Tetzel aber bald nicht mehr das Kloster in Leipzig verlassen. Als Rom in dieser zunehmend verfahrenen Angelegenheit retten wollte, was noch zu retten war, wurde der Dominikaner öffentlich zum Bauernopfer gemacht. Im August 1519 starb der Ablassprediger, dem Luther zuvor noch einen tröstenden Brief aufs Sterbebett schickte und ihm versicherte, er wäre an dieser Sache nicht schuld.

Danach fiel der Dominikaner mehr oder weniger in Vergessenheit. In den 1540er-Jahren sprach Luther schon sehr viel schärfer über Tetzel, doch zum ultimativen Bösewicht mutierte der Ablassprediger erst im Zusammenhang mit dem ersten Reformationsjubiläum 1617, stellte Hartmut Kühne fest. In den damals so beliebten Theaterstücken tauchte dann Tetzel als gieriger Ablasskrämer auf. Danach rankten sich immer mehr historisch nicht haltbare Geschichten um ihn, die sich zu einem Mythos verdichteten: Tetzel, der „Bad Guy“ der Reformationsgeschichte.

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