„Wie soll ich leben, wenn … ?“

Gedanken zu Lk 7,11-13

Weiterleben mit dem Tod eines anderen muss auch diese Frau. Ein Angehöriger saß in dem Flugzeug, das auf dem Weg von Paris nach Kairo abgestürzt ist. Foto: KNA

 

Jesus ist der Gott-mit-uns: Gerade auch dann, wenn Schweres zu tragen und zu ertragen ist.

Der Tod eines nahen Angehörigen gehört zu den größten Stressfaktoren im menschlichen Leben. Besonders schmerzhaft, ja unerträglich ist es, wenn Eltern erleben müssen, dass das eigene Kind stirbt – ein sinnlos erscheinender Tod „vor der Zeit“, der kaum zu verkraften und zu bewältigen ist.

Die deutsch-jüdische Dichterin Mascha Kaléko muss wohl geahnt haben, wie schwer der Verlust eines lieben Menschen wiegt, längst bevor sie den Tod ihres einzigen Sohns zu beklagen hatte. Davon zeugt ihr Gedicht „Memento“, das sie im Jahr 1945 veröffentlichte, darin schreibt sie:

Memento

Vor meinem eignen Tod ist mir nicht bang,

nur vor dem Tode derer, die mir nah sind.

Wie soll ich leben, wenn sie nicht mehr da sind?

„Wie soll ich leben, wenn sie nicht mehr da sind?“ Wer kennt diese Frage nicht?! Wenn ein naher Angehöriger gestorben ist, eine Freundin, ein Nachbar … wie soll ich leben ohne sie? Unvorstellbar! Verständlich, dass wir uns die Verstorbenen oft sehnlichst ins Leben zurückwünschen, auch wenn wir wissen, dass dieser Wunsch nicht in Erfüllung geht!

Anders im heutigen Evangelium. Ein junger Mann wird zu Grabe getragen, der einzige Sohn. Auch heute noch, 2000 Jahre später, ist der unerträgliche Schmerz der Mutter spürbar! Sie ist doppelt getroffen: als Witwe hat sie bereits nur einen geringen sozialen und rechtlichen Status. Mit dem Tod des Sohnes verliert sie nun auch ihre letzte Unterstützung. Eine Katastrophe, von der sie sich wohl niemals erholen wird … Aber der Evangelist Lukas gibt dem Geschehen eine wunder-bare Wendung: Jesus erweckt den jungen Mann vom Tod und gibt ihn ganz leibhaftig dem Leben zurück.

Wir wissen – genau wie die Jünger und Zuschauer damals: solche Ereignisse sind „im wirklichen Leben“ sehr unwahrscheinlich. Aber macht das diese Erzählung für uns bedeutungslos?

Der Evangelist Lukas hat diese Perikope in eine Reihe von Wunderheilungen gestellt. Er will hervorheben, dass Jesus wirklich der erwartete Messias ist, der Macht hat über Krankheit und Gesundheit, Leben und Tod. Aber ihm sind auch die kleinen Gesten am Rande wichtig, die den menschlichen, zugewandten, mitfühlenden Jesus zeigen. „Weine nicht!“ lässt er Jesus zur verzweifelten Witwe sagen. Ihr gilt Jesu erste Reaktion, nicht dem Verstorbenen, von dem man erwarten könnte, dass seine Erweckung das eigentliche Zentrum der Schriftstelle ausmacht. Lukas will stattdessen zeigen, dass Jesus sich anrühren lässt von menschlichem Schmerz und Leid. Wie hervor-ragend muss dieser Wesenszug bei Jesus gewesen sein, dass er noch 40 Jahre nach seinem Tod im Evangelium so stark gewürdigt wird!

Und genau darin liegt für mich die tröstliche Botschaft dieser Schriftstelle: Jesus begibt sich mitten in die Extremsituationen unseres Lebens hinein. Er geht nicht vorüber, er schaut nicht weg. Viele Menschen über die Jahrhunderte hinweg haben im Vertrauen auf diesen Jesus auch schwere Lebenserfahrungen überwunden und auf ihre Weise auf „Wie soll ich leben …?“ eine Antwort gegeben.

Könnte dieses Vertrauen auch für uns Heutige eine Antwort sein?

Monika Krieg,iplom-Theologin, Leiterin der Telefonseelsorge Paderborn

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