Wellen der Begeisterung

Gedanken zu Mt 17,1-9

Foto: jassifoto/photocase.de

 

Wie das Leben so weist auch der Glaube wellenförmig Höhen und Tiefen auf.

von Annegret Meyer

Beim Zuhören der Lesungstexte an diesem Sonntag geht es zu wie bei einer Achterbahnfahrt der Gefühle. Man könnte sie als Kurven oder wellenförmig darstellen. Den steilen Einstieg bildet die kurze erste Lesung mit der berühmten Berufung des Abraham. „Zieh weg aus deinem Land ... ich will dich segnen ...“ „Da zog Abraham weg“ (Gen 12,1–4). Zwischen der Verheißung und dem Losgehen liegt im Text nur ein Satzzeichen. Aber wenn man sich das innere und äußere Geschehen einmal ausmalt, das einen Sippenanführer dazu bringt, seinen ganzen Clan in Bewegung zu setzen in Richtung eines unbekannten Zieles! Zwischen diesen beiden kleinen Sätzen liegt die Wucht der Berufung, die sich über alle Widerstände in der Familie und vielleicht auch im eigenen Innern hinwegsetzen kann. Vielleicht aber auch eine akute Dürre, die den Viehzüchter zwingt, seine bekannten Weidegründe zu verlassen. Wir wissen es nicht.

Vielleicht kennt der eine oder die andere diese Gefühlslage, wenn eine Lebensentscheidung plötzlich glasklar vor dem inneren Auge steht. „Ich konnte gar nicht anders“, so wird diese untrügliche Intuition manchmal umschrieben. Diese Motivation verleiht Flügel und Riesenkräfte.

Die zweite Lesung aus dem Brief an Timotheus steht an einem anderen Punkt, sozusagen nach der heißen Phase des Aufbruchs: Der Sprint am Anfang mit Hochgefühl und Bauchkribbeln lässt sich nicht dauerhaft durchhalten. „Leide mit mir für das Evangelium.“ (2 Tim 1,8b–10). Auf der Langstrecke einer Beziehung heißt es, auch Zweifel und Widerstand durchzustehen.

Was dann hilft? Viele Coaches und Therapeuten arbeiten mit ihren Klienten Krisen so auf: Den Umstand an sich kann man nicht verändern, wohl aber den Blick darauf. Hier im Text wird Timotheus vorgeschlagen, sich den großen Heilsplan Gottes zu vergegenwärtigen. So ist die gegenwärtige Leidenszeit nur ein Wimpernschlag, der dem ewigen Entschluss Gottes nichts anhaben kann. Das individuelle, kleine menschliche Leben wird in den ganz großen Heilszusammenhang gestellt. Der wiederum bleibt nicht abs­trakt, sondern bekommt ein Gesicht in der Person Jesu Christi.

Es gibt Lebenslagen, da erscheint alles sinnlos, wie loses Stückwerk. Der rote Faden fehlt, man fühlt sich fehl am Platz. Aber es gibt auch die gegenteiligen Erfahrungen vom großen Sinn. Davon erzählt das heutige Evangelium der Verklärung Jesu.

Man kann diese Erzählung von zwei Seiten betrachten. Zum einen als Offenbarung, Erhellung, wer Jesus wirklich ist: der Sohn Gottes, in lebendiger Verbindung zu den Propheten der Vorzeit. Zum anderen als große Einheitserfahrung der drei ausgewählten Jünger Petrus, Jakobus und Johannes, denen sich der ganz große Sinn ihrer Jüngerschaft erschließt. Solche Einheitserfahrungen gibt es in verschiedenen Abstufungen. In allen Religionen wird ähnlich davon erzählt. Hier ist die Besonderheit, dass die Erfahrung personengebunden an Jesus Christus ist.

Es sind sogenannte Gipfelerlebnisse, die einen Menschen verändert zurückschicken in seinen Alltag. Spontan entsteht der Wunsch nach Ewigkeit: „Hier lasst uns drei Hütten bauen“ ist als Sprichwort eingegangen in die Alltagssprache, wenn man eine besondere Gelegenheit oder einen besonderen Ort kennzeichnen möchte. Und gleichzeitig ist schon im Moment klar, dass die herausragende Gefühlslage flüchtig ist.

Im Matthäusevangelium ist die Verklärungsszene eingefügt in die verschiedenen Ankündigungen vom Leiden Jesu. Ein Gipfelerlebnis vor der großen Zerreißprobe. Und man kann sich fragen, ob es für die drei Jünger einfacher oder schwerer wird, nach der für sie so außergewöhnlichen Begegnung mit Jesus seinen weiteren Weg zu verfolgen.

Zur Autorin: Dr. Annegret Meyer ist Referentin im Bereich Exerzitien und Theologische Grundlagen im Erzbischöflichen Generalvikariat in Paderborn.

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