Was bleibt?

Der österliche Glaube verheißt Teilhabe an der Lebensfülle des auferstandenen Herrn.

„Was bleibt?“, frage ich meist nachdenklich, wenn etwas zu Ende geht. „Was bleibt?“ – Diese Frage bewegt auch Johannes, als er sein Evangelium niederschreibt und die Abschiedsreden Jesu in die spannungsgeladene Situation zwischen Abendmahlssaal und Gethsemane stellt.

Der Rest vom Fest – ist das alles, was am Ende bleibt? Foto: rosabrille/photocase

 

von Hartwig Trinn

Was hat er nicht alles mit Jesus erlebt: Er gehört zu den erstberufenen Jüngern und als „Lieblingsjünger“ war er Jesus besonders nahe. Am Gründonnerstag lässt er sich von ihm im Abendmahlssaal die Füße waschen, hält mit ihm das Mahl und ruht an seiner Seite. Am Ölberg betet Jesus in seiner Todesangst, Johannes aber schläft ein. Am Karfreitag steht Johannes unter dem Kreuz und der Herr vertraut ihm seine Mutter an. Am Ostermorgen eilt Johannes zum leeren Grab, geht hinein und „sieht und glaubt“.

– Was bleibt? Es bleibt die tiefe Überzeugung, dass nicht der Tod siegt, sondern das Leben. Das hat Johannes selbst erlebt. Er hat es mit eigenen Augen gesehen, geschaut und mit eigenen Händen angefasst, so schreibt er später. Gott zu erkennen, das ist das ewige Leben, sagt Jesus. Aber was erkenne ich, wenn ich Gott erkenne? Johannes ist überzeugt: „Gott ist die Liebe.“ Gott erkennen, heißt also, ihn als Liebe zu erkennen. Sie verbindet Gott und Jesus und die Seinen untrennbar miteinander. Und diese gegenseitige Verbindung bleibt über den Abschied Jesu „aus der Welt“, ja auch über den Tod hinaus. Das ist es, was das Abschiedsgebet Jesu beschreibt.

Dabei begegnet uns das missverständliche Wort „verherrlichen“. Verherrlichen bedeutet, Gott die Ehre zu geben, seine Herrlichkeit in allem wahrzunehmen. Der Mensch antwortet auf die Herrlichkeit Gottes, indem er Gott als seinen Herrn anerkennt und sich ihm anvertraut. In besonderer Weise geschieht dies in der Feier der Liturgie. In der Liturgie handelt Gott am Menschen. Sie ist Gottes Dienst an uns und wir antworten darauf. Jeder Gottesdienst, in dem nicht Gott der eigentlich Handelnde ist, in dem es nicht zuerst um Gott geht, ist Menschenwerk und dient nicht der Ehre Gottes. Gleichwohl geht es bei der Ehre Gottes auch immer um den Menschen: „Die Ehre Gottes ist der lebendige Mensch“, sagt der heilige Irenäus von Lyon, „das Leben des Menschen ist die Schau Gottes.“ Es ist also auch die konkrete Zuwendung zum Menschen, die Gott verherrlicht.

Hier sind wir wieder mit Jesus und den Jüngern im Abendmahlssaal: Die Fußwaschung zeigt, wie wir als Menschen miteinander leben sollen, die Eucharistie, was wir erhoffen dürfen: das ewige Leben. – Macht das Abschiede einfacher? Ja, davon bin ich überzeugt. Jesus spricht dieses Gebet in einer Sphäre des Abschiedes, eines Abschiedes der Angst macht, Unsicherheit erzeugt, rat- und mutlos werden lässt. Nach dem Abendmahlssaal kommt Gethsemane, und so mancher wird seine ganz eigenen Ölbergstunden haben. Aber es ist Osterzeit, wir hören dieses Evangelium im Licht der Osterkerze.

Ostern ist das Fest der Überwindung von Leiden und Tod, das Fest des Lebens, des Lichtes, der Liebe. Das macht uns das Evangelium deutlich: Wir können die sichere Hoffnung haben, dass auch wir einmal in die Lebensfülle Gottes gelangen. Und aus dieser Hoffnung auf ewiges Leben gilt es jetzt zu leben. Der Dichter Reinhold Schneider beschreibt es: „Die geschichtliche Tat des Christen ist das Zeugnis des Lebens, werde es nun angenommen oder verworfen. Es ist kein Ort, wo er es nicht erbringen kann, keine Zeit verloren, in der es abgelegt wird, keine Not vergeblich, die es aufgenötigt hat.“ – Was bleibt? Das ewige Leben. Und dafür lohnt es jetzt zu leben!

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