Von der Soldatin Jimena zur Mutter Ana

Der Weg vom Krieg zum Frieden ist in Kolumbien lang und holprig

Straßenszene im Stadtzentrum von Popayán: Kinder spielen ausgelassen auf dem Platz, der Weg zum Frieden ist aber noch weit. Foto: Kopp

 

Popayán. Das Foto in ihrer Hand zeigt eine junge, schmale, dunkelhaarige Frau, fast noch ein Mädchen, im Kampfdress. Schüchtern lächelnd lehnt sie an der Schulter eines hageren Mannes, um einiges älter als sie und zwei Köpfe größer. Das Foto hält eine blonde, kräftige, selbstbewusst geschminkte Frau.

von Sandra Weiss

Die Aufnahme liegt sechs Jahre zurück. Zwei Welten, zwei Namen und eine schmerzhafte Metamorphose, die sinnbildlich für den langen Weg vom Krieg zum Frieden im Bürgerkriegsland Kolumbien stehen – gepflastert mit zahlreichen Stolpersteinen. Ohne die helfende Hand von Claudia Luzar, einer Mitarbeiterin der vom Lateinamerika-­Hilfswerk Adveniat unterstützten Nationalen Versöhnungskommission der Kolumbianischen Bischofskonferenz, wäre er noch viel schwieriger. Claudia Luzar ist Sozialpsychologin, spezialisiert auf Gewalt­opfer und Traumata. Für ihre Patientinnen, ehemalige Guerilleras, ist sie eine Freundin und eine helfende Hand auf dem Weg ins neue, unbekannte Leben.

Das Mädchen auf dem Foto ist Jimena, Kämpferin der Revolutionären Streitkräfte Kolumbiens FARC (Fuerzas Armadas Revolucionarias de Colombia). Eines von sieben Kindern einer armen Familie aus dem Süden des Landes. Der Vater war Lastenträger, die Mutter fliegende Händlerin auf dem Markt. Jimenas Kindheit war geprägt von Schlägen, Alkohol, Kinderarbeit und Missbrauch. Es ist die Geschichte eines Mädchens, das nur zur Grundschule gehen konnte und mit 13 in einer Bar anheuerte – in der Hoffnung auf ein besseres Leben. Diese Hoffnung trieb sie auch in die Arme der Guerilla: „Mein Onkel unterstützte die FARC, und ich fühlte mich zu ihnen hingezogen. Sie waren so selbstbewusst – auch die Frauen. Mit einer Freundin bin ich dann durchgebrannt“, berichtet Ana im Rückblick vom Beginn ihres Lebens als Kindersoldatin Jimena. Sie war gerade 14, die Freundin 12. Nach einer Woche waren die Turnschuhe von den Märschen durch den Dschungel durchgelaufen und die Haut von Moskitos zerstochen. „Wir wollten zurück, aber dann ließen wir uns vom Kommandanten breitschlagen, den Grundkurs zu absolvieren. Um zwei Uhr morgens starteten wir mit einem Boot ins Basislager tief im Urwald“, erinnert sie sich.

Rund 130 Jugendliche kamen dort zusammen. Hartes Sporttraining und der Umgang mit Waffen standen auf dem Programm, aber auch Alphabetisierung, Kultur und politische Schulungen. Essen und Kleidung stellten die Guerilla. Sogar Ärzte und Krankenpfleger gab es. Jimenas Körper veränderte sich – und ihre Seele. Sie gewöhnte sich an Gewaltmärsche durch den Dschungel mit einem Rucksack, der fast halb so viel wog wie sie. „Frauen wurden nicht verwöhnt, aber respektiert. Männer mussten genauso Wäsche waschen und kochen wie wir. Keiner war mehr wert“, erzählt Ana von ihrem Leben als Jimena. Das imponierte ihr. Zum ersten Mal erfuhr sie so etwas wie Geborgenheit: „Du warst nie alleine, immer gab es jemand, der sich um dich kümmerte.“

Am Ende der Ausbildung bekam sie eine Kalaschnikow und wurde ins Gefecht geschickt. Bei einem Bombenangriff warf sie sich auf den Boden, ihr Knie landete auf einem Stein, der Meniskus nahm Schaden. Erst viele Stunden später konnte sich ein Krankenpfleger um sie kümmern, sie bekam Schmerzmittel und wurde massiert.

Damals nahm Jimena das auf die leichte Schulter. Sie war jung, die Verletzung heilte. Für Ana ist das kaputte Knie heute ein Handicap. Während ihrer Schwangerschaft im vergangenen Jahr hatte sie einige Kilogramm zugelegt, die Knie und Hüfte belasteten. Mit schmerzverzerrtem Gesicht humpelt die 28-Jährige nun am Arm von Claudia Luzar in die Arztpraxis in Bogotá. Der Arzt ist Pole. Sein Geld verdient er mit Touristen. Im Auftrag der Bischofskonferenz betreut er zum Selbstkostenpreis ehemalige Guerilleros. „Es wird wohl nicht ohne Operation gehen“, sagt er nach der Untersuchung.

Vor Ana liegt ein Papierkrieg mit dem staatlichen Gesundheitssystem. Darin wurde Ana nach dem Friedensschluss zwar eingegliedert, es war jedoch schon vor der Aufnahme der 7 000 Ex-Rebellen chronisch unterfinanziert. Ana ist das alles neu. Hilfesuchend schaut sie in Richtung Claudia Luzar, ihre einzige Stütze in solchen Momenten. Die Deutsche bespricht die nächsten Schritte mit ihr und dem Arzt.

Dass auch die Feinheiten des kolumbianischen Gesundheitssystems einmal zu ihren Spezialitäten gehören würden, das hätte sie sich bei Beginn ihrer Arbeit vor zwei Jahren kaum träumen lassen. „Aber die Probleme bei der Wiedereingliederung sind konkret, und der Teufel steckt im Detail“, sagt die 43-Jährige. Nur wenige ehemalige Kämpfer könnten auf ihre Familie zählen. Die Bande sind gerissen, Familien durch den Bürgerkrieg zerrüttet.

Dass Ana die Widrigkeiten auf dem Weg in ihr neues Leben durchsteht, hat einen Grund: Er heißt Farley, ist zwei Monate alt und soll einmal ein besseres Leben haben. Nach dem Arztbesuch humpelt Ana die Steintreppe hoch zu ihrem Zimmer in einem Hinterhaus im Süden der Hauptstadt Bogotá. Es ist kalt und feucht, aber die Küche ist blitzsauber, die gewaschene Wäsche hängt akkurat zum Trocknen auf der Leine. Ana setzt sich aufs Bett und stillt den Kleinen.

Farley ist ein Kind des Friedens, ein charmanter Winzling mit großen, aufmerksamen, dunklen Kulleraugen, geboren in Bogotá, nachdem Ana die Waffen niedergelegt hatte. Sie nahm einen Job beim neu gegründeten Fernsehsender der FARC als Kamerafrau an. Über die Schwangerschaft freute sie sich. Immer schon wollte sie Mutter werden. Doch das Leben in der Guerilla erlaubte das nicht. Der Vater, ein ehemaliger Mitkämpfer, arbeitet inzwischen als Bodyguard fernab von Bogotá. Noch in der Schwangerschaft verließ er Ana und suchte sich eine Jüngere.

Ana fiel in ein tiefes Loch. Schon wenige Monate nach dem Friedensschluss brach bei den Kämpfern der Machismo wieder durch. Hausarbeit wurde wieder Frauensache, Männer wechseln ständig Freundinnen. Nicht nur die Frauen, auch die Kriegsversehrten kamen mit dem Rückfall in die alten Muster, in die Rolle der Schwachen, nicht zurecht, erzählt Claudia Luzar.

Doch Psychologen sind den FARC sehr suspekt. Entsprechend behutsam muss sie mit ihren Patienten arbeiten: Hausbesuche, Picknicke, als Ausflüge angelegte Gruppentherapie und ständige WhatsApp-­Bereitschaft gehören dazu.

Claudia Luzar lernte Ana kennen, als diese versuchte, ihren Frust in Alkohol zu ertränken. Der Fernsehkanal, bei dem sie arbeitete, hatte sie entlassen. Aus den Wahlen ging der konservative Iván Duque als neuer Präsident hervor, der das Friedensabkommen für eine Kapitulation hält und die finanzielle Unterstützung für FARC-Projekte wie den TV-­Sender gestrichen hat.

„Es gibt noch viele Hindernisse und Stolpersteine auf dem Weg zum Frieden“, sagt Darío Echeverri, Generalsekretär der Nationalen Versöhnungskommission. „Die Wunden sind nach 50 Jahren Bürgerkrieg tief. Es gibt über acht Millionen Opfer, und die schmerzhafte Wahrheit über all die Verbrechen ist noch lange nicht ans Tageslicht gekommen, weil die Mächtigen daran wenig Interesse haben“, sagt der Priester. Gerade einmal 21 Prozent des Friedensvertrages wurden einer Erhebung des auf Friedensforschung spezialisierten US-­Thinktanks Kroc in den ersten beiden Jahren umgesetzt. Die Gewalt, die in der Phase der Friedensverhandlungen auf ein historisches Minimum gesunken war, steigt inzwischen wieder. Dem Staat ist es bis auf wenige Ausnahmen nicht gelungen, alle von der FARC verlassenen Gebiete zu stabilisieren. Zahlreiche bewaffnete Gruppen bekriegen sich, um dort das Erbe der FARC anzutreten, um ihre lukrativen Drogenrouten und Koka-­Plantagen zu übernehmen. Mehr als 400 ehemalige Kämpfer und soziale Aktivisten wurden seit Unterzeichnung des Friedensvertrages im November 2016 ermordet. Die Landreform und Neuverteilung von mehr als drei Millionen Hektar Land kommt nur schleppend voran.

Die große Herausforderung, so Echeverri, habe Papst Franziskus bei seinem Besuch in Kolumbien 2017 genannt: „Ohne soziale Gerechtigkeit, jenseits ideologischer Positionen, wird es keinen dauerhaften Frieden geben.“ Kolumbien zählt gerade auch auf die internationale Unterstützung, damit für die Menschen wie Ana und Farley ein Leben in Frieden möglich wird.

Weitere Fotos und Infos finden Sie in der Printausgbe des Dom Nr. 49 vom 1. Dezember 2019

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