Vogel des Herrn

Der Stieglitz ist Vogel des Jahres

Ausschnitt aus dem Bild „Madonna del Cardellino“ von Raffael, um 1506. Auf Holz, 107 x 77 cm. Inv.Nr. 1447 Florenz, Galleria degli Uffizi. Foto: picture-alliance

 

Es war gegen Ende der Schöpfung: Gott war praktisch fertig, als er einen kleinen unscheinbaren und zurückhaltenden Vogel entdeckte, der noch keine Farbe bekommen hatte. Nun tat Gott, was man in so einer Situation tut: Er kratzte die Reste zusammen.

So jedenfalls erklärt die Sage, woher dieser ungewöhnlich farbenfrohe Vogel kommt, der sich in unseren Gärten tummelt: der Diestelfink oder auch Stieglitz genannt. Der Naturschutzbund Deutschland (NABU) und sein bayerischer Partner, der Landesbund für Vogelschutz (LBV), haben ihn jetzt zum Vogel des Jahres 2016 gekürt, was nichts über seine Schönheit sagt, sondern über die Bedrohung seines Lebensraums.

Auch in der christlichen Ikonografie taucht der Stieglitz gelegentlich auf, so etwa in dem nebenstehenden Bild von Raffael. Es zeigt Maria mit dem kleinen Jesus und dem kleinen Johannes dem Täufer, der – wie rührend – offenbar schon als Kind im Fellmäntelchen herumlief. Er reicht Jesus einen Distelfink. Da in der Kunst alles von Bedeutung ist, ist es auch die Vogelart. Der Distelfink heißt so, weil er eine Vorliebe für Disteln hat, und so erkannten die Menschen damals in ihm ein Bild für die Passion Christi.

Heutzutage würde man wohl ein anderes Symbol für die Passion wählen, eines, dass sich für uns Heutige, die einen Spatz kaum von einer Amsel unterscheiden können, leichter erschließt. Ein abgesenkter Facebook-Daumen vielleicht. Heute würde man vermutlich auch einen Arzt rufen, wenn jemand wie der hl. Franz den Vögeln predigt – bestenfalls würde man ihn unter dem Label „Spinner“ durch die Talkshows reichen.

Für Franz von Assisi war es selbstverständlich, dass alle Geschöpfe ihren Ursprung in Gott haben. Papst Franziskus schreibt in seiner Enzyklika „Laudato si‘“: „Diese Überzeugung darf nicht als irrationaler Romantizismus herabgewürdigt werden, denn sie hat Konsequenzen für die Optionen, die unser Verhalten bestimmen. Wenn wir uns der Natur und der Umwelt ohne diese Offenheit für das Staunen und das Wundern nähern, wenn wir in unserer Beziehung zur Welt nicht mehr die Sprache der Brüderlichkeit und der Schönheit sprechen, wird unser Verhalten das des Herrschers, des Konsumenten oder des bloßen Ausbeuters der Ressourcen sein, der unfähig ist, seinen unmittelbaren Interessen eine Grenze zu setzen. Wenn wir uns hingegen allem, was existiert, innerlich verbunden fühlen, werden Genügsamkeit und Fürsorge von selbst aufkommen.“

Dem Stieglitz kommt in Deutschland der Lebensraum abhanden. Dabei gebe es viele Möglichkeiten, den Lebensraum des farbenfrohen Finken zu erhalten, sagt der NABU. Schon kleine unbelassene Ecken in Gärten, an Sport- und Spielplätzen, Schulen, Ackerflächen oder Straßenrändern trügen dazu bei.

Claudia Auffenberg

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