Viele Amerikaner schämen sich

Pfarrer Dietmar Röttger: Katholiken erschrocken über Trumps Stil

Chicago. Im Rahmen eines „pastoralen Kundschaftsjahres“ hat Pfarrer Dietmar Röttger mehrere katholische Gemeinden in Chicago kennengelernt und aufmerksam die turbulente Präsidentschaftswahl miterlebt.

Dietmar Röttger, Priester des Erzbistums Paderborn, erlebte die turbulente Wahl in den USA hautnah mit. Foto: privat

 

von Johannes Bernard

Pfarrer Dietmar Röttger hatte in Chicago die Gelegenheit, den ganzen Bogen der Präsidentschaftswahl mitzuerleben: angefangen beim Wahlkampf mit den insgesamt drei TV-­Duellen der beiden Kandidaten Hillary Clinton und Donald Trump über die eigentliche Wahl am 8. November bis zur Amtseinführung in diesen Tagen. „In meinen Begegnungen mit amerikanischen Katholiken an der Universität, an der katholischen Ordenshochschule und in den Gemeinden wurde im Wahlkampf immer wieder die Abscheu über die Art der Ausei­nandersetzung deutlich“, sagt Röttger.

Angesichts der medialen Schlammschlacht zwischen Clinton und Trump hätten viele Katholiken den Wunsch gehabt, dass dieser Wahlkampf vorbei sein möge. „Gegenüber mir als Ausländer haben nicht wenige Scham für ihr Land ins Wort gebracht“, sagt der Seelsorger aus dem Erzbistum Paderborn. Röttger verbringt im Rahmen des Forschungsprojektes „Crossing over“ der Katholischen Fakultät der Universität Bochum ein pastorales Kundschaftsjahr in den USA.

Nach der Wahl sei immer noch das Erschrecken spürbar, dass der „bulling style“, also die rücksichtslose Art der Rede und der Gebrauch von Lügen durch Donald Trump, zum Erfolg geführt habe. „Die Hoffnung, dass sich das nach seiner Amtsübernahme ändern wird, beginnt nach dem Erleben verschiedener Auftritte der letzten Wochen zu schwinden“, meint Röttger.

Einige hätten arge Zweifel, dass Trump eine ganze Amtszeit schaffen werde. „Bei all dem Gesagten muss ich aber hinzufügen, dass Chicago – auch als Wahlheimat von Barack Obama – tief demokratisch geprägt ist und Trump seine größten Erfolge im ländlichen Bereich der USA eingefahren hat“, gibt der Pfarrer die Stimmung in der Großstadt wieder.

Bezüglich des Wahlverhaltens sei es offensichtlich gewesen, dass viele Katholiken nicht für Hillary Clinton gestimmt hätten. „Dies hing vor allem mit ihrer Einstellung zur Abtreibung zusammen. Im dritten TV-Duell hatte sie unter bestimmten Voraussetzungen eine Abtreibung bis kurz vor der Geburt nicht abgelehnt. Die Abtreibungsfrage ist in den USA aber ein wichtiger Punkt in der katholischen Identität. So waren viele Katholiken in einem echten Gewissenskonflikt.“

Röttger weiß von einer ganzen Reihe Katholiken, die deswegen gar nicht zur Wahl gegangen sind oder einen der doch existierenden weiteren Kandidaten gewählt haben im Wissen, dadurch der eigenen Stimme die Wirkung zu nehmen. „Viele konnten weder Clinton noch Trump unterstützen. Ich sehe hier ein echtes Manko des amerikanischen Wahlsystems.“

Verglichen mit Deutschland, wo Katholiken beispielsweise in den Kolpingsfamilien und der Katholischen Arbeitnehmer-Bewegung am politischen Diskurs teilnehmen, gibt es in den USA kaum soziale Verbände. „Wohl aber Gruppierungen, die sich aus den Gemeinden heraus sehr stark sozial engagieren“, hat Röttger festgestellt. In seiner Gemeinde St. Benedict in der Nordstadt von Chicago seien das zum Beispiel die „Knights of Columbus“ (Kolumbus-Ritter). „Diese starke soziale Ausprägung der Kirchengemeinden hängt sicher auch mit dem schwachen Sozialsystem der USA zusammen.“

In der Weihnachtszeit seien in der Gemeinde viele Geschenkpakete verteilt worden, und am ersten Weihnachtstag habe es ein „Christmas-Dinner“ für mehr als 300 alleinstehende, obdachlose und bedürftige Menschen gegeben. „Das Essen wurde von verschiedenen Restaurants gesponsert, und die Bewirtung wurde von ganzen Familien aus der Gemeinde übernommen. Ein beeindruckendes Erlebnis.“

Diskurs in politischen Fragen erlebt der Pfarrer eher auf der Ebene der Erzdiözese Chicago. „Nicht so sehr parteipolitisch, aber zum Beispiel hat Kardinal Blase Cupich große Diskussionen zu häuslicher Gewalt geführt und mischt sich in der Frage der außergewöhnlich hohen Todesrate durch Schusswaffen hier in der Stadt deutlich in die Politik von Chicago ein.“

Insgesamt könne man sagen, dass die Kirchen sich nach der Wahl „für Versöhnung und inneren Frieden in der Gesellschaft einsetzen und auch darum beten“.

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