Viel Bewegung

Professor Paul Thissen zur Situation der Kinderchöre

Anlässlich des Kinderchortages nimmt Professor Dr. Paul Thissen (Foto), Leiter des Referates Kirchenmusik im Erzbischöflichen Generalvikariat Paderborn, zur Entwicklung der Kinderchöre im Erzbistum Stellung. Die Fragen stellte Matthias Nückel.

DOM: Herr Professor Dr. Thissen, wie viele katholische Kinderchöre gibt es im Erzbistum Paderborn aktuell?

Prof. Thissen: Bei uns im Referat Kirchenmusik sind zurzeit 131 Kinderchöre gemeldet. Es gibt allerdings auch eine gewisse „Dunkelziffer“.

Wie ist die Mitgliederentwicklung? Singen mehr Mädchen oder Jungen in den Chören?

Generell gibt es bei Kinderchören immer viel Bewegung bei den Sängerinnen und Sängern. Insgesamt kann aber wohl eher nicht von einer Zunahme der Mitgliederzahl gesprochen werden. Insbesondere die Verkürzung der Schulzeit (G 8) wirkt sich eher negativ auf das Kinderchorwesen aus. Soweit wir das beurteilen können, singen deutlich mehr Mädchen als Jungen in den Kinderchören.

Kommt es vor, dass sich in Kirchengemeinden neue Kinderchöre gründen?

Ja, es kommt immer wieder vor, dass sich neue Kinderchöre gründen. Allerdings müssen Chöre mitunter auch aufgeben, sodass insgesamt wohl nicht von einer Zunahme der Anzahl der Kinderchöre gesprochen werden kann.

Was ist besonders wichtig für einen Kinderchor? Wie motiviert man die Mädchen und Jungen am besten, damit sie auch dabeibleiben?

Diese Frage kann Domkantorin Gabriele Sichler-Karle aus der Praxis pointiert beantworten. Mit ihr gibt es seitens des Referates Kirchenmusik eine sehr schöne und enge Zusammenarbeit. Ihre These: „Fordern, ohne zu überfordern. Qualität, so die Leiterin der Mädchenkantorei am Paderborner Dom, ist dringend notwendig und muss auch gefördert werden. Nicht nur bei den Domchören, deren ursprüngliche Aufgabe in der Gestaltung der Liturgie am Dom liegt, sondern auch bei den Kinderchören in den Pfarrgemeinden. Domkantorin Sichler-Karle sagt: „Alle merken bei dieser Arbeit: Wir machen nur das gut, was wir auch gerne machen. Nicht zuletzt ist das gemeinsame Singen eine hohe Förderung des Miteinanders, des aufeinander Achtens und des bewussten Umgangs mit sich und mit anderen.“ Schließlich sind es auch gemeinsame Probenwochenenden und Chorfahrten, die die Chorgemeinschaften der jungen Sängerinnen und Sänger fördern.

Wächst aus den Kinderchören Nachwuchs für Jugend- oder Erwachsenenchöre heran?

Leider eher nicht. Mädchen und Jungen gehen beispielsweise nach dem Abitur oft für ein Jahr ins Ausland und studieren danach oder machen ihre Ausbildung nicht am Heimatort. Glücklicherweise gibt es aber immer wieder Kinderchorsänger, die später die Musik gar zum Beruf gemacht haben oder die so viele wertvolle Dinge mit dem Singen und Musizieren erlebt haben, dass sie später dann gerne in Chören singen.

Was wird von Seiten des Erzbistums getan, um die Kinderchöre in der Breite zu fördern?

In den nächsten Monaten wird ein ganz neues, vom Erzbistum Paderborn finanziertes Projekt realisiert: die Dekanatssingschule. Dieses Pilotprojekt startet zunächst in fünf Dekanaten. Die Kinder sollen hier über das Chorsingen hinaus Stimmbildungsunterricht sowie Theorie- und Instrumentalunterricht erhalten. Seit Jahren schon bietet das Erzbistum Paderborn regelmäßig Ausbildungs- und Fortbildungskurse für Kinderchorleiter an. Zweifellos ist auch die Errichtung von 30 hauptberuflichen kirchenmusikalischen Leuchtturmstellen eine wichtige Maßnahme für eine erfolgreiche Kinderchorarbeit.

Wie entwickelt sich das kirchliche Kinderchorwesen bundesweit?

Diese Frage können wir anhand der Zahlen des Chorverbandes Pueri Cantores beantworten.

Im Jahr 2017 wird sich die Zahl der Diözesanverbände seit 2008 mehr als verdoppelt haben. Seit 2008 ist die Zahl der Sängerinnen und Sänger im Bundesverband von 11 000 auf über 17 000 angestiegen. Die Tendenz ist kontinuierlich steigend. Das gemeinsame Singen und die regelmäßige Mitgestaltung der Liturgie vermitteln eine starke Bindung der Chormitglieder zu ihrer Kirche und ihrem Glauben. Der Verband verstärkt dieses Zugehörigkeitsgefühl und öffnet zugleich den Blick. Pueri Cantores ist mehr als Singen. Durch die intensive Beschäftigung mit geistlicher Chormusik und im Gemeinschaftsleben der Chöre lernen Kinder und Jugendliche das christliche Miteinander und die Orientierung an religiösen Werten. Internationale Treffen ermöglichen es, anderes und möglicherweise unbekanntes wahrzunehmen und Menschen und Musik aus anderen Kulturkreisen zu erleben. Singen öffnet Mund und Herz. Singend verkünden Pueri Cantores die frohe Botschaft. Deshalb möchten wir auch die Kinderchöre im Erzbistum ­Paderborn immer wieder einladen, Mitglied im Verband Pueri cantores zu werden.

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