Verzichten und neue Freiheit gewinnen

Gedanken zu Mt 5,38-48

Hand aufs Herz: Was löst der Satz im Sonntagsevangelium aus der Bergpredigt „Leistet dem, der euch etwas Böses antut, keinen Widerstand, sondern wenn dich einer auf die rechte Wange schlägt, dann halt ihm auch die andere hin“ (Mt 5,39) bei Ihnen aus?

Der bewusste Verzicht auf Vergeltung setzt Kräfte für das Gute frei.

 

von Dr. Nicole Hennecke

Das Sprichwort „Auch die andere Backe hinhalten“ wird heute noch verwendet und steht für Situationen, die wohl jede und jeder kennt: eine Situation, in der ich gedemütigt wurde. Eine Situation, in der ich mich nicht wertgeschätzt, sondern bloßgestellt fühlte. Nach dem Evangelisten Matthäus fordert Jesus von mir, dass ich in einer solchen Situation keine Vergeltung übe. Ich zahle es meinem Gegenüber nicht heim, sondern ich erdulde sein Handeln.

Ich selbst bekomme beim Lesen dieses Verses ein schlechtes Gewissen, ein Gefühl von Resignation. Und nicht zuletzt kommen mir Zweifel an der Sinnhaftigkeit des Gesagten. Das schlechte Gewissen hat seine Wurzel darin, dass ich mich als Christin verpflichtet fühle, in dieser Weise zu handeln, es aber kaum tue. Darüber hinaus fühle ich mich entmutigt, da ich das Gefühl habe, diesem Anspruch nicht gerecht werden zu können. Ich würde gerne danach handeln, schaffe es aber nicht.

Schließlich machen sich Zweifel breit: Ist ein solches Verhalten sinnvoll? Wie stehe ich denn dann da? Ich käme mir bloßgestellt vor, ich würde mich falsch verstanden und beschämt fühlen. Menschen würden womöglich schlecht über mich reden, mich für ein „Weichei“ halten, weil ich mich, meine Meinung, meine Sicht der Dinge nicht verteidigt habe.

Unterm Strich fällt es mir also schwer, diesen Satz des Evangeliums als „Frohe Botschaft“ zu verstehen.

Oder gibt es noch einen anderen Zugang dazu?

Vielleicht liegt dieser in der grundsätzlichen Überzeugung, dass Jesu Forderungen mich nicht kleinmachen wollen, sondern darauf ausgerichtet sind, das menschliche Miteinander zu bereichern. In unserem Beispiel befreit mich der Verzicht auf Vergeltung aus automatisierten Verhaltensweisen und vermag mir neue Freiheit zu schenken: Ich verzichte auf mein Recht zur Vergeltung aufgrund der Hoffnung, mein Gegenüber zum Umdenken und zu einem veränderten Verhalten zu bewegen. Und ich verzichte auf Vergeltung aufgrund der Gewissheit, dass ich mit der gleichen Reaktion in eine nicht endende Spirale von Vergeltung geraten würde.

Dafür ist es nötig, dass ich mich selbst zurücknehmen kann. Ich muss nicht immer im Scheinwerferlicht stehen und glänzen. Frei nach Papst Johannes XXIII., der zu sich selbst oft sagte: „Nimm dich nicht so wichtig.“ Was passiert, wenn man diese Eigenschaft nicht erworben hat, kann man leider inzwischen an verschiedenen Personen in Regierungsverantwortung ausführlich studieren.

Rede ich mir die Realität damit schön? Wenn ich es nur bei theoretischen Überlegungen belasse, ja. Aber nicht, wenn ich danach handle, weil ich auf Gott vertraue. Es gibt allerdings einen Haken an der Sache: Ich werde damit nie fertigwerden. Das geforderte Verhalten wird mir vermutlich nie leicht fallen. In Jesu Nachfolge stehen, heißt jeden Tag: „Auf ein Neues.“ Ich versuche, mich an seinem Vorbild auszurichten. Dafür fange ich immer wieder klein an, einfach, weil ich es manchmal gar nicht schaffe. Was ich aber notwendig brauche, ist der Wille und die Überzeugung, dass ich mit meinem an Jesu Vorbild ausgerichteten Verhalten die Welt zum Besseren verändern kann.

Zur Autorin:Dr. Nicole Hennecke, gebürtig aus Medebach, ist Pastoralreferentin und Kirchenrechtlerin im Bistum Trier.

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