Taufe: Gabe und Aufgabe!

Gedanken zu Mt 3,13-17

Im Leben des Christen muss die Gnade der Taufe zur Entfaltung kommen.

von Michael Hardt

Soll die Kirche Kinder taufen? In den 90er-Jahren des letzten Jahrhunderts war diese Frage an jeder Theologischen Fakultät Thema in den Vorlesungen oder Seminaren. Damals begann das Gespräch mit den täuferischen Freikirchen über den Sinn und die Berechtigung der Säuglingstaufe. Dabei ging es allerdings nicht um das falsche Erziehungskonzept vieler Eltern bis auf den heutigen Tag: Das soll unser Kind entscheiden, wenn es groß ist. Niemand überlässt im kalten Winter seinem Kind die Entscheidung, ob es einen Mantel anziehen soll oder nicht. Was wichtig, wertvoll und notwendig für das Leben der Kinder ist, müssen Eltern ständig entscheiden, erst recht bei der Frage nach dem, was unser Leben im Letzten trägt und ihm Halt gibt. Ob Gebet, Mitfeier des Gottesdienstes, Kontakt mit der Kirchengemeinde für die Kinder eine erkennbare Dimension im Leben der Familie sind, wird ihre spätere Haltung und Entscheidung prägen, ob die Sache mit Gott für ihr Leben eine Relevanz hat oder nicht.

Das Gespräch mit den Frei­kirchen war von einem anders gelagerten Akzent bestimmt, nämlich, ob nicht vor der Taufe zuerst das Gottesgeschenk des Glaubens Spuren zeigen müsse. In dieser Sicht der Dinge hat die Taufe die Bedeutung des öffentlichen Bekenntnisses, dass der zu Taufende die Liebe Gottes bereits erfahren hat.

Wird dann die Taufe nicht zu einer Frage der Selbstentscheidung über die eigene Würdigkeit? Wann ist denn der Mensch in den Höhen und Tiefen seiner gefühlten Gottesnähe jemals der Taufe würdig? Wann kann er für sich sagen: „Ich glaube“? Für die römisch-katholische Kirche und die traditionellen orthodoxen und evangelischen Großkirchen bleibt die Taufe das Zeichen, dass Gott uns mit seiner Gnade immer zuvorkommt. Darin besteht Konsens mit den Freikirchen, allerdings nicht in den Konsequenzen im Hinblick auf die Taufe der Kinder.

Im neutestamentlichen Zeugnis sind bei Paulus Taufe und Glaube gewissermaßen austauschbar. Taufe und Glaube sind Gabe Gottes und zugleich Aufgabe des Menschen. Die Entfaltung von Taufe und Glaube bedarf der Verwirklichung im ganzen Leben. Über diese Schiene wächst zunehmend eine Verständigung mit den dogmatischen Vertretern der Gläubigen-Taufe bzw. Erwachsenentaufe. In diesen Kontext gehört auch das Wort von Kurienkardinal Walter Kasper aus seiner Epoche als Universitätslehrer in Deutschland: Die Praxis der Säuglingstaufe sei der Grenzfall der Tauftheologie.“ Dieser Grenzfall ist ja praktisch der Normalfall in unseren Gemeinden. Dieses jahrzehntealte Wort von Walter Kasper war ein Warnsignal, Kinder ohne die Chance der Beheimatung im Glauben zu taufen. Denn die Sakramente sind keine magisch wirkenden Zeichen, sondern bedürfen der Annahme und Verwirklichung im Leben.

Aus diesem Grunde bemüht sich in unserem pastoralen Raum Paderborn-Mitte-Süd ein Kreis von Erwachsenen um die Tauffamilien. Dabei soll das Sakrament der Taufe auch mehr in den Blickwinkel der Gemeinden rücken. Das ist gut und hilfreich. Dennoch habe ich persönlich den Eindruck, dass die Taufe ihren familiären, ihren zutiefst privaten Charakter behalten wird. Viele der Taufeltern haben an dieser Stelle zum ersten Mal wieder einen Anknüpfungspunkt mit der Gemeinde; ja, sie trauen sich vielleicht jetzt wieder in die Gemeinde zurück. Denn bei der Geburt eines Kindes geht im wahrsten Sinn des Wortes der Himmel auf und die Fragen nach dem Sinn und Ziel des eigenen Lebens brechen massiv durch.

An „Weihnachten“ hat Gott einen neuen Anfang mit der Menschheit gemacht. Das heutige Fest „Taufe des Herrn“ ist eine freundliche Einladung, diesem Neuanfang Gottes mit den Menschen Antwort zu geben und dem Heiligen Geist die Tür zu öffnen, damit er durch Gottes Wort und die Zeichen der Sakramente unserem Leben Deutung und Orientierung geben kann.

Zum Autor:

Dr. Michael Hardt ist Direktor am Johann-Adam-Möhler-Institut für Ökumenik in Paderborn.

Foto: Roodini/photocase

 

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