Tante Inge strickt

Im Jungferntal arbeiten Alt und Jung zusammen

Obwohl Elfi Siegmund (links) seit vielen Jahren keine Stricknadel oder gar Strickliesel angefasst hat, kennt sie noch manch einen Trick, den sie Cornelia Vlasak beibringen kann. (Foto: Lukas)

 

Dortmund-Rahm (chl). Ein leises Klackern liegt in der Luft des Gemeindezentrums Heilig Geist im Dortmunder Jungferntal. Es ist das Klackern von aneinanderstoßenden Stricknadeln. Mal ist es lauter, mal etwas leiser. Hin und wieder wird es von einem Lachen übertönt, die anwesenden Damen sprechen eher leise, man merkt: Sie haben Spaß, aber sie sind auch konzentriert. Kaffee, Kuchen, Tee bieten Gaumenfreuden. Doch im Mittelpunkt steht etwas ganz anderes: Tante Inge strickt! Nur – eine Tante Inge gibt es hier gar nicht!

„Tante Inge strickt“, das ist der Name einer Initiative, die in Berlin ihren Anfang genommen hat, erklärt Kristina Sobiech. Sie ist Sozialarbeiterin der Caritas im „Projekt gemeinsam“, das Vereinsamung unter Senioren verhindern und Kontakte ermöglichen will. „Das Prinzip ist so einfach wie genial: Man lädt Menschen an einen Ort zum Stricken ein, ältere Menschen, junge Menschen. Die kommen miteinander ins Gespräch und wenn es richtig gut läuft, entstehen Tandems, also ein jüngerer und ein älterer Mensch entwickeln eine Beziehung, die über ein einmaliges Treffen wie dem im Gemeindezentrum hinausgeht“, erklärt Sobiech.

Elfi Siegmund ist von der Idee auf jeden Fall begeistert. 69 Jahre ist sie alt und ihre Ausrüstung mit Strickliesel, diversen Nadeln und feiner Wolle sieht absolut professionell aus. Allein: „Ich habe seit Jahrzehnten nicht mehr gestrickt“, gesteht sie mit einem Schmunzeln. Als ihre Tochter klein war: „Oh, da habe ich Berge an Wolle abgearbeitet.“ Allerdings ist ihre Tochter heute 42.

Als Elfi Siegmund hörte, im Jungferntal wird gestrickt, hat sie ihre alten Handwerkszeuge entstaubt. Gute Tipps gibt es von Wilma Pawloski. „Ich bin 81“, erzählt sie – und sie ist ein Vollprofi an der Stricknadel. „Ach“, winkt sie ab, „ich stricke halt einfach gerne.“ Doch wie viele Socken, Kinderpullover, Schals, Jacken sie im Leben gestrickt hat, weiß sie dann tatsächlich nicht einmal annähernd zu beziffern. „Sehr, sehr viele auf jeden Fall.“

Katharina Greb indes hat mit Stricken noch ihre Probleme. Daher ist sie ins Jungferntal gekommen: Um den älteren Damen mal über die Schulter zu schauen. Mit 27 ist sie die zweitjüngste Besucherin. Vor ihr liegt ein Berg Wolle und der Schal, an dem sie arbeitet, sieht beachtlich aus. Aber: Er ist gehäkelt.

Über die katholische Hochschulgemeinde hat die Lehramtsstudentin von diesem Treffen erfahren. Wie auch Anna Streppel, die mit 22 die Jüngste im Kreise der rund zwölf Frauen ist. Seit der Grundschule hat sie keine Stricknadel mehr in der Hand gehalten, das Häkeln hat sie sich sogar selbst beigebracht. An diesem Tag sind die beiden jungen Frauen eher Beobachterinnen. Nicht zuletzt, weil sich viele der älteren Besucherinnen untereinander aus der Gemeindearbeit kennen.

Kristina Sobiech hat damit gerechnet: „Anfangs muss man sich ja erst einmal beschnuppern“, sagt sie und hält sich diesmal als Moderatorin zurück. Das Stricken verfüge über eine kommunikative Eigendynamik. Alter spielt auf jeden Fall keine Rolle. Ein bisschen mehr Zuspruch hätte die Sozialarbeiterin allerdings schon erwartet, gibt sie zu. Gerade aus dem Uni-Umfeld habe es im Vorfeld viele Anmeldungen gegeben, die nicht eingelöst wurden. Aber unzufrieden ist sie nicht.

Erstaunlicherweise kommt die Idee für „Tante Inge strickt“ nicht aus der professionellen Seniorenarbeit: Sie nahm ihren Anfang in einer Facebookgruppe, in der eher junge Menschen darüber diskutierten, wie man alte Menschen aus ihrer Einsamkeit führen kann. Da Stricken gerade bei jungen Frauen einen Boom erlebt, kam jemand aus dieser Gruppe auf die Idee, in ein Seniorenheim zu gehen, um dort mit älteren Menschen zusammen zu stricken – und so Gespräch zu kommen.

In Berlin ist man darüber ­hinaus schon weiter: Dort strickt Tante Inge nicht nur, sie trinkt auch Cocktails. Kristina Sobiech lächelt bei diesem Gedanken – und winkt ab: „Wir bleiben erst einmal bei der Handarbeit.“

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