Sorgt euch – aber nicht ängstlich!

Gedanken zu Mt 6,4-34

Im Vertrauen auf Gott verliert unsere Sorge um das „tägliche Brot“ ihre Ängstlichkeit.

Eine Wiese in der Wüste nahe Dschenin im Westjordanland. Ein Palästinenser pflückt Kronen-Anemonen. Foto: „dpa

 

von Konrad Schmidt

Bei allen Übersetzungen von einer Sprache in eine andere bedarf es höchster Sorgfalt, vor allem bei Pflanzen- und Tiernamen. Wenn sich nämlich erst falsche Bezeichnungen und gängige Wendungen wie „Lilien des Feldes“ eingeschlichen haben, ist es mit der Aufmerksamkeit dahin. „Salomon mit all seiner Pracht“ trat keineswegs in einer schlicht weißen Albe auf; er kam in blau-rotem, kräftig farbigen Ornat. Eine „Lilie“ kann nicht gemeint sein.

Von der Farbigkeit her ist von einer Anemone die Rede, die im judäischen Berg- und Wüstenland wächst und blüht – gleich nach dem Winterregen und noch einige Wochen in der verzehrenden Sonne. Während des gesamten Sonnentages blüht jede Anemone mit einer beeindruckenden Kraft, weil sie in ungeheurer Anstrengung im Erdreich ein Wurzelwerk von nahezu 70 Zentimetern Durchmesser austreibt, um auf jeden Fall während des Abends und der Nacht bis zum frühen Morgen jeden Tautropfen aufzusaugen. Nur so bleibt die Kraft, den ganzen kommenden Tag über strahlend leuchtend zu blühen und der Sonneneinstrahlung gewachsen zu bleiben. „Sorgt Euch nicht ängstlich! Nicht verkrampft! Aber tut alles, was in Euren Möglichkeiten steckt!“ Wir hören heute kein Plädoyer für Faulheit. Es wird nicht zu genereller Sorglosigkeit geraten. Die Anemone ist ein Beleg für konzentrierte Wachheit. Erst recht die „Vögel des Himmels“ sprechen die gleiche Sprache. Beobachten wir einen Spatzen: Wie viele Male läuft, hüpft, springt der im Laufe eines Tages hin und her, bevor er sich mit einbrechender Dunkelheit einigermaßen satt zur Ruhe begibt. Schöner können wir nicht veranschaulichen, worum es geht: Selbstverständlich soll sich jeder Christ um den gegenwärtigen Tag sorgen. Es hat ja „jeder Tag seine eigene Plage“. Deswegen beten wir Tag für Tag: „Gib uns heute das Brot, das wir brauchen.“

In die gleiche Richtung lenkt uns ein weiteres Wort ­Jesu. Präzise sollen wir wählen zwischen Geld oder Gott, zwischen dem Himmel oder dem Mammon. Warum eigentlich? Geld könnte doch eine schlicht neutrale Sache sein wie alle Dinge rechts und links neben uns. Passen wir genau auf! Geld bekommt eine unheimliche Macht. Schnell gaukelt es uns vor, das entscheidende Mittel zu sein, durch das wir alle Werte dieser Welt einkaufen könnten. Schlimmer noch: Wir erfahren schnell, dass wir als Mensch allein durch das Geld bedeutend werden. Und das ist gefährlich. Geld hilft uns nicht, Ängste zu beruhigen. Nur in der Nähe von Menschen, an deren Liebe wir glauben können, beruhigen sich unsere Ängste. Zu der Sorglosigkeit um den morgigen Tag, die Jesus uns vorschlägt, kommen wir nur, wenn wir zu einer „väterlichen“ und „mütterlichen“, zu einer „geschwisterlichen“ Geborgenheit finden und wenn wir darin unsere Anerkennung und unseren Wert erspüren. Wir brauchen dann nicht mehr nach immer neuen Kleidern und Gewändern zu suchen, um uns vor uns selbst und den anderen zu verstecken.

Wer jedoch darum weiß und zutiefst davon überzeugt ist, von Gott anerkannt, bejaht und geschätzt zu sein, gewinnt eine neue Freude an sich selbst. Wie eine Anemone von bezaubernder Pracht ist er schön und eins mit sich selbst. Das Leben wird gelassen und sorglos – bei aller aktiven Lebendigkeit. Das heutige Evangelium möchte uns für diesen Blick die Augen öffnen: Unser Sein vor Gott ist so unendlich groß und in der Liebe, die Gott ist, so unendlich kostbar! Wir haben es nicht nötig, unseren Wert vom Mammon bestimmen zu lassen. Die Schönheit der Ane­mone beschämt Könige. Die emsigen Spatzen auf der Gasse neben uns zeigen uns, wie zu leben ist.

Msgr. Prof. Dr. Konrad Schmidt, ehemaliger Rektor der Katholischen Landvolkshochschule in Hardehausen, ist Pastor im Pastoralverbund Sundern.

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