Sonntags, 20.15 Uhr: Memento mori

(Foto: Bernd Libbach, fotolia)

 

Wenn ich morgen sterben müsste, was würde ich dann heute noch tun? Mit wem muss ich mich aussöhnen? Wofrü oder wem bin ich dankbar, und wem könnte ich das einmal sagen?

von Pater Maurus Runge OSB

Im alttestamentlichen Buch Jesus Sirach finden sich einige bemerkenswerte Gedanken und Hinweise zum Thema des Todes. Da heißt es: O Tod, wie bitter ist der Gedanke an dich für den Menschen, der ruhig sein Heim bewohnt, für den Menschen, der ohne Sorge ist und in allem Erfolg hat, der noch kräftig genug ist, allein zu essen. – O Tod, wie gut ist deine Schickung für den Unglücklichen, für den Menschen, dem die Kräfte schwinden, für den, der strauchelt und überall anstößt, für den, der voller Sorge ist und die Geduld verloren hat. – Fürchte dich nicht vor dem Tod, der dir auferlegt ist! Denk daran: Vorfahren und Nachkommen trifft es wie dich (Kapitel 41, Verse 1-4).

Hier wird zwischen zwei Weisen des Todes, zwei Arten zu sterben, unterschieden. Es hängt vor allem am gelebten Leben ab, wie der Tod empfunden wird: als bitterer Abbruch von Unvollendetem oder als gute Fügung, als Erlösung für den schwächer werdenden Menschen, dem die Kräfte schwinden. In den realen Nachrichten und fiktiven Krimiserien überwiegt die erste Art: der Tod als jäher Lebensabbruch, oft von anderen Menschen willkürlich und brutal herbeigeführt. In unserem Alltag können beide Arten vorkommen, und beide so unterschiedliche Arten verdienen eine angemessene und unterschiedliche Form der Begleitung. Der zweite Teil des biblischen Textes spricht vom Tod weder als Abbruch noch als Erlösung, sondern ganz nüchtern vom Tod als einer Bestimmung des Menschen, jedes Menschen. Der Tod ist etwas, das jeden Menschen einmal trifft. Es lohnt sich nicht, sich dagegen aufzulehnen oder sich ängstlich an das Leben zu klammern. Der Autor des Buches Jesus Sirach rät zu einer heiteren Gelassenheit im Umgang mit dem Tod: „Fürchte dich nicht vor dem Tod, der dir auferlegt ist!“ Solch eine Gelassenheit kann eingeübt werden – mitten im Leben. Wenn ich mir dessen bewusst bin, dass ich sterblich bin, bekommt mein Leben einen einmaligen Wert. Auch die Entscheidungen, die ich in meinem Leben treffe, müssen mit dem Gedanken an den Tod nicht sinnlos werden, sie bekommen sozusagen Ewigkeitswert. Bei einer christlichen Beerdigung wird am Ende für den gebetet, „der als Erster dem Verstorbenen vor das Angesicht Gottes folgen wird“. Dieses „Memento mori“, dieser Gedanke an den eigenen Tod, die eigene Sterblichkeit, will mir nicht Angst machen, sondern mich daran erinnern, die mir verbliebene – geschenkte – Zeit gut zu nutzen. Wenn ich morgen sterben müsste, was würde ich dann heute noch tun? Was muss ich unbedingt noch erledigen? Was kann ich beruhigt loslassen? Woran klammere ich mich (noch)? Mit wem muss ich mich aussöhnen? Was ist mir eigentlich wirklich wichtig in meinem Leben? Wofür oder wem bin ich dankbar, und wem könnte ich das einmal sagen?

Vielleicht kann der nächste Tod, der im Tatort dramatisch auf den Bildschirm gebracht wird, solch ein „Memento mori“ für mich darstellen und mich zum Innehalten bringen: Ja, auch ich muss einmal sterben. Ich weiß zwar nicht wann und wie, aber ich versuche so zu leben, dass ich, wenn es soweit ist, gut gehen kann.

aus: Maurus Runge, „Treffpunkt Tatort“ in der Reihe „3x7 Zusagen des Glaubens“, Bonifatius-­Verlag, Paderborn 2015

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