Seien wir wahrhaftig!

Gedanken zu Joh 14,15-21

Wahrhaftig zu sein und zu leben, ist ein unverzichtbarer Bestandteil christlichen Glaubens.

von Josef Holtkotte

Jesus spricht im Evangelium vom Geist der Wahrheit, der immer bei uns bleiben soll. Dieser Geist bedeutet Liebe, Vertrauen, Mut, Treue und Hoffnung. Wie kann ein solcher Geist in uns lebendig bleiben und gelebter Glaube werden? Wir erleben leider immer wieder, dass Unwahrheiten zu Wahrheiten erklärt werden, dass sich häufig Lüge, Übertreibung, Einschüchterung, Verleumdung, Böswilligkeit, Manipulation, dumpfe Vereinfachung und vielfältiges Handeln gegen die Würde eines Menschen durchsetzen. Das sind nicht die Früchte des Geistes der Wahrheit!

Und doch: Wir sehnen uns nach der Wahrheit, nach Menschen, die echt und authentisch sind; nach einer Welt, in der die Wahrheit respektvoll als Gerechtigkeit und Barmherzigkeit, als Solidarität und Freiheit, als Achtsamkeit und Aufmerksamkeit gelebt wird.

Diese Sehnsucht hat noch einen anderen Namen, den wir vielleicht einmal wieder (neu) entdecken könnten: Lauterkeit! Lauterkeit ist die Schwester der Wahrheit und bedeutet: Ich verstelle mich nicht. Lauterkeit stellt sich gegen Ungerechtigkeit und Gewalt. In der Lauterkeit zeigt sich der Geist der Wahrheit, von dem Jesus spricht. Menschen verfallen immer wieder dem Irrtum, sie könnten die Wahrheit verbergen, verbieten oder unterdrücken. Aber die Wahrheit bleibt zuletzt doch mächtiger. Sie lässt sich nicht einsperren. Sie leuchtet. Sie hat eine solche innere Kraft, dass sie sich durchsetzt, auf Dauer jedenfalls. Die Geschichte der Menschheit und die eigene Geschichte kennen dafür unzählige Beispiele.

Wir sehnen uns nach Menschen, die lauter und wahrhaftig sind, die zu ihrem Wort stehen, die bei ihrer Überzeugung bleiben, auch wenn ihnen das Nachteile bringt. Wie nötig hat unsere Welt solche Menschen. Sie gewinnen auf lange Sicht das Vertrauen der anderen. Der Geist der Wahrheit – Jesus verspricht ihn uns als Beistand Gottes auf unserer Suche nach dem tiefsten Grund unseres Lebens, auf unserer Suche nach dem Sinn unseres Lebens.

Das Evangelium ist eine Einladung und Aufforderung an uns, Gott zu lieben und ihn immer mehr zu erkennen. Dabei helfen uns das Interesse am eigenen Glauben, der Austausch über die wesentlichen Inhalte, das Teilnehmen an Gebet und Gottesdienst, die Freude an Gottes Lebendigkeit, die Wachsamkeit für die Würde jedes Menschen und das ehrliche Ringen um Wahrheit und Lauterkeit.

Ich möchte uns zwei Dinge für unser Leben wünschen: Einmal, dass wir nicht aufhören, unser Leben lang nach Gott zu suchen, dass wir uns nicht zu schnell mit vorläufigen Antworten zufrieden geben, dass wir auf der Suche bleiben nach ihm, der die tiefste Wahrheit unseres Lebens ist. Ihn zu finden, das ist ein langer Weg, für den wir ein ganzes Leben brauchen. Da werden wir manche Umwege machen, ihn wohl auch manchmal zu wenig beachten oder vergessen. Aber wir dürfen noch hoffen, dass er uns im Laufe unserer Jahre immer tiefer in seine Wahrheit hi­neinholt und hineinführt.

Und ein zweites möchte ich uns wünschen: den Mut zur Wahrhaftigkeit und zur Lauterkeit im Umgang miteinander und in den Strukturen unserer Welt. Das heißt, uns zu bemühen, gut über den Anderen zu denken, ihn mit Sympathie und Anteilnahme zu sehen. Das bedeutet, uns im Evangelium zu verankern und in Christus festzumachen. Das führt zu sozialem Einsatz als Frucht unseres Glaubens, zum Mitbauen an der Einen Welt und zur Entscheidung für das Gute. Es ist die Haltung als Christin und Christ sichtbar, überzeugt und engagiert zu bleiben.

Zum Autor:

Pfarrer Josef Holtkotte ist Priester des Erzbistums Paderborn und seit 2013 Bundespräses des Kolpingwerkes Deutschland mit Sitz in Köln.

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