Schon neugierig auf Jesus?

Gedanken zu Lk 19,1-10

Jesus trifft auf Zachäus – gotische Wandmalerei in der Kapelle Sankt Niklausen ob Kerns in der Schweiz. Foto: KNA

 

Die Art des Umgangs Jesu mit den Sündern müsste uns eigentlich mehr neugierig auf ihn machen.

von Monika Lipsewers

Oberster Zollpächter, der erste der Zöllner in Jericho. Das ist ein Mann, der allen Bürgern im Auftrag der römischen Besetzer des Landes die Steuer abverlangte, und das nicht zu knapp. Kein Wunder, dass Zachäus, ein so reicher Mann, nicht gut gelitten war. Er war aus der ehrenwerten Gesellschaft ausgeschlossen, fast wie ein Aussätziger, verhasst. Allenfalls konnte er mit seinesgleichen zusammen sein, die ihn wegen seines Reichtums schätzten. Vermutlich begegneten ihm seine Glaubensgenossen nicht mit Achtung und Liebe. Auch von seiner Körpergröße her musste er sich wahrscheinlich oft genug von oben herab angeschaut fühlen. Ihm begegnete man nicht auf Augenhöhe. Glich er diesen Mangel aus durch die Anhäufung von Reichtum, durch überhöhte Steuern zur eigenen Bereicherung? Den Pflichtteil lieferte er den römischen Besatzern ab. Doch blieb noch genug für ihn übrig. Aber Geld ist nicht alles ...

Zachäus hatte von Jesus gehört. Diesen faszinierenden Wanderprediger musste er einfach einmal sehen. Der Mann aus Nazareth sprach anders über das Reich Gottes, überzeugender als die Schriftgelehrten. Er sprach Menschen die Vergebung von Sünden zu, heilte Kranke und berührte Aussätzige. Um ihn sehen zu können, musste er den anderen Schaulustigen vorauslaufen, um einen Platz auf einem Maulbeerfeigenbaum zu ergattern. Da oben – zwischen den belaubten Ästen – war er vor den Blicken der Menschen geschützt und hatte eine gute Sicht. Er konnte seine Neugier stillen, ohne vom Mann aus Nazareth entdeckt zu werden. Er musste sich selbst ein Bild verschaffen von diesem ungewöhnlichen Mann.

Als Zachäus sich aufmachte zu einem Aussichtspunkt, geschah schon eine anfanghafte Wandlung in ihm, eine Bewegung zur Umkehr. Erst recht, als er doch von Jesus gesehen wurde und dieser sich bei ihm einlud. Da brach förmlich ein Damm. Unglaublich: Da wollte ein angesehener Mann, von dem das Volk sagte, er sei wahrscheinlich der Messias, in sein Haus kommen und zum Essen noch dazu, sich mit ihm an einen Tisch setzen. Jesus war anders im Umgang mit gesellschaftlich geächteten Menschen, den Sündern und Zöllnern, anders als die, die sich fromm und mit Gott im Reinen fühlten, die Schriftgelehrten und Pharisäer. Jesus rückt den Verachteten vom Rande der Gesellschaft in die Mitte.

Wie weit tat sich da das Herz des Zachäus auf: „Doppelt und dreifach“, über die Maßen wollte er daraufhin die zu viel geforderten Abgaben an die Steuerpflichtigen erstatten. Die Armen sollten seine Unterstützung erhalten. Vielleicht zum ersten Mal erkennt ihn jemand an und reduziert ihn nicht auf seinen unangenehmen Beruf. Er spürt, dass Jesus tiefer sieht, dass er seine Person mit den Augen Gottes sieht. Jesus sieht nicht auf das Haben, sondern auf das Sein des Menschen. Diese Einkehr Jesu im Haus des Zachäus bewirkt das Heil für seine Familie. Jesus rehabilitiert den Zöllner und gibt ihm einen Platz im Volk Israel zurück, weil er kraft seines Glaubens zur „Familie Abrahams“ gehört. An Zachäus macht Jesus deutlich, wozu er in die Welt gekommen ist: um die verlorenen Menschen zu suchen und zu retten.

Und wir? Sind wir von brennender Neugier erfüllt, Jesus zu „sehen“? Was setzen wir ein, um von Jesus zu hören und zu lesen? Lassen wir uns von ihm einladen an seinen Tisch? Holen wir ihn an unseren Tisch – z. B. durch das Tischgebet, durch einen Armen? Wie leben wir die „Tischgemeinschaft“ mit Jesus im Alltag? Erkennen wir, wenn er sich zu uns einlädt? Durch eine kurze Zwiesprache? Jesus ergreift oft genug die Initiative, mit uns kommunizieren zu wollen. Sind wir dann „zu Hause“? Sind wir wachsam für sein „Anklopfen“ bei uns?

Das heutige Evangelium könnte uns auch aufmerksam machen auf unseren Umgang mit den Armen und Ausgeschlossenen, mit den „Zöllnern“ und „Sündern“ unserer Tage. Nehmen wir uns Jesus zum Vorbild! Schon ein freundlicher Blick auf Menschen am Rande unserer Gesellschaft könnte auf dieser Linie liegen. Gleich heute können wir damit beginnen.

Zur Autorin:

Monika Lipsewers ist Sekretärin im Erzbischöflichen Priester­seminar und für die Fortbildung des pastoralen Personals.

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