„Produkt“ mit Qualitätskontrolle?

„Kinderwunsch – Wunschkind – Designerbaby“: Informationstag zur „Woche für das Leben“ 2017

Professor Dr. Axel W. Bauer (r.) und Anne Meier-Credner (2. v. r.) waren die Referenten bei der Informationsveranstaltung zur diesjährigen „Woche für das Leben“. Die Organisation lag in den Händen von Anke Baule vom Caritasverband für das Erzbistum (2. v. l.) und Dr. Werner Sosna vom Bildungshaus Liborianum (l.).Foto: Wiedenhaus

 

Paderborn. Geburt und Zeugung vor dem Hintergrund fortschreitender medizinischer Möglichkeiten und einer sich wandelnden gesellschaftlichen Sichtweise stehen im Mittelpunkt der diesjährigen „Woche für das Leben“, die mit den Schlagwörtern „Kinderwunsch, Wunschkind, Designerbaby“ überschrieben ist. Rund 30 Vertreter aus Gemeinden und Initiativen nutzten am vergangenen Samstag die Gelegenheit, sich von Experten über Entwicklungen, Zusammenhänge und Konsequenzen informieren zu lassen. Professor Dr. Axel W. Bauer befasste sich in zwei Vorträgen mit den medizinisch-ethischen Fragen, die Diplom-Psychologin Anne Meier-Credner beleuchtete die Situation aus Sicht der „Spenderkinder“. Organisiert wurde die Veranstaltung gemeinsam von der Bildungsstätte Liborianum und dem Caritasverband für das Erzbistum.

von Andreas Wiedenhaus

„Der Mensch kann sich selbst manipulieren. Er kann sozusagen Menschen machen und Menschen vom Menschsein ausschließen.“ In dieser Aussage von Papst Benedikt XVI., die Dr. Werner Sosna, Mitarbeiter des Liborianums und Bistumsbeauftragter der „Woche für das Leben“, in seiner Begrüßung zitierte, spiegelt sich die zugrunde liegende Problematik wider: Wenn das Leben früher als Geschenk betrachtet wurde, so scheint es heute auf dem besten Wege zu sein, zum „Produkt“ zu werden: abrufbar, optimiert – und bis zu einem bestimmten Zeitpunkt sogar „entsorgbar“.

Dass die Worte des Papstes keineswegs zu pessimistisch gewählt waren, machte Professor Bauer in zwei Vorträgen deutlich, in denen er unter anderem darstellte, was heute medizinisch möglich ist: von der künstlichen Befruchtung und Präimplantationsdiagnostik über die – in Deutschland verbotene – Leihmutterschaft oder die Möglichkeit der Veränderungen des Erbgutes bis hin zur Technik, Eizellen zu entnehmen und einzufrieren, um „Kind und Karriere“ miteinander zu vereinbaren. Bauers Fazit mit Blick auf die „ärztliche Kunst“ ist deshalb wahrscheinlich absolut realistisch, wenn er feststellt, dass die moderne Medizin dabei sei, die Geburt eines Menschen zum Resultat eines technisch immer perfekter ausgeführten Produktionsprozesses zu machen: „Zunächst geht es dabei zwar vorrangig um die Korrektur funktionell fehlerhafter Anlagen, doch dürfte dies nur ein Zwischenschritt auf dem Weg zum Wunschkind als biologischem Designerobjekt sein.“

Mit Blick auf diese Entwicklungen, die den Satz von der „unantastbaren Würde des Menschen“ langfristig wohl zur Farce werden lassen, vermisst der Wissenschaftler insbesondere eine breite gesellschaftliche Opposition gegen die zunehmende reproduktionsmedizinische Manipulation der Fortpflanzung: „Ganz im Gegenteil wird das, was unter der Flagge des Fortschrittes segelt, weitgehend akzeptiert und bei Bedarf kritiklos konsumiert.“

Das hängt neben der Komplexität des Themas nach Ansicht Professor Bauers auch damit zusammen, dass analog zu wirtschaftlichen Interessen die „Pluspunkte“ reproduktionsmedizinischer Möglichkeiten in den Vordergrund gerückt werden. Hinzu kommen die „Versprechungen“ etwa im Zusammenhang mit der Stammzellenforschung, die heute noch kaum vorstellbare Heilungschancen etwa für Parkinson oder Multiple Sklerose in Aussicht stellen.

Wird sich die Erfahrung, dass das, was machbar ist, auch realisiert wird, also auch in diesem fundamentalen Zusammenhang bewahrheiten? Bauer beendete seine Ausführungen nach eigenem Bekunden „offenbar relativ pessimistisch“, indem er erklärte, dass sich der gesellschaftliche Konsens in Richtung „Liberalisierung“ verschieben werde.

Diese Einschätzung verband er allerdings mit dem Appell, dass diejenigen, die den sich abzeichnenden Wertewandel verhindern wollten, jetzt aktiv werden müssten: Kritik müsse unüberhörbar artikuliert werden, solange es in Politik und Gesellschaft noch eine gewisse Aussicht auf Resonanz gebe: „Die Chancen dafür werden mit jedem Tag der Gewöhnung ein wenig geringer.“

Einen in diesem Zusammenhang eher selten wahrgenommenen, aber dafür umso wichtigeren Aspekt brachte Anne Meier-Credner aus Göttingen ein: Die Diplom-Psychologin und Psychotherapeutin stellte in ihrem Vortrag die Frage in den Mittelpunkt, welche Konsequenzen eine Form der Familiengründung „zu dritt“ durch Samen- bzw. Eizellen­spende oder etwa Leihmutterschaft für das Kind hat. Meier-­Credner, die Gründungs- und Vorstandsmitglied des Vereines „Spenderkinder“ ist, machte deutlich, wie wichtig die Frage der Identität in diesem Zusammenhang ist und zitierte beispielsweise eine 23-Jährige: „Ich weiß eigentlich seit ich denken kann, dass ich eine künstliche Befruchtung war. Ich hatte mir aber nie richtige Gedanken darüber gemacht. In den letzten Jahren kommen mir aber immer wieder Gedanken durch den Kopf – Wer genau bin ich eigentlich?“

Der Verein „Spenderkinder“ – ein Zusammenschluss von über 100 durch Samenspende gezeugten Erwachsenen – sieht sich hier als Interessenvertreter. Etwa, wenn es um die Möglichkeit geht, den unbekannten genetischen Elternteil kennenzulernen. Zum anderen geht es aber auch da­rum, neben den rechtlichen Rahmenbedingungen die psychologischen Herausforderungen solcher Arten einer Familiengründung darzustellen. Als direkt Betroffene sehen die Vereins­mitglieder aus eigener Anschauung einiges kritisch: „Die Sicht der betroffenen Kinder wird oft vernachlässigt, da sie im öffentlichen Bild vor allem als niedliche Babys vorkommen, die von Erwachsenen mit unerfülltem Kinderwunsch sehnlichst gewollt sind. Alles technisch Machbare scheint gerechtfertigt, um diesen Wunsch zu erfüllen.“

Wie viele Adoptivkinder auch möchte ein Großteil der „Spenderkinder“ erfahren, wer sein biologischer Vater ist. Das Recht darauf ist zwar höchst­richterlich bestätigt, doch, so „Spenderkinder“, seien weder die reproduktionsmedizinischen Verfahren noch die rechtlichen Rahmenbedingungen auf das Kindeswohl konzentriert.

Darüber hinaus setzt sich der Verein auch für eine verpflichtende psychosoziale Beratung und Information aller Beteiligten bei einer Familiengründung beispielsweise durch eine Keimzellspende ein.

Diesen Artikel teilen:

Ähnliche Artikel