Papst mahnt zur Brüderlichkeit aller

Franziskus setzt in Marokko deutliche Akzente

Herzlich begrüßt wurde Papst Franziskus beim Besuch des Sozialzentrums südlich von Rabat. Foto: KNA

 

Rabat (KNA). „Seid immer den Kleinen und den Armen nahe; denen, die ausgestoßen, verlassen und vergessen sind“, mahnt Papst Franziskus in Rabat bei der Abschlussmesse im „Prince Moulay Abdellah“-Stadion vor mehreren Tausend Teilnehmern. Er selbst ging zuvor mit gutem Beispiel voran: Am Sonntagmorgen besuchte er ein Sozialzentrum rund 20 Kilometer südlich von Rabat. Etwa 50 Leute waren dort, Franziskus begrüßte viele persönlich. Im direkten Kontakt mit den Menschen ist er in seinem Element – auch beim anschließenden Treffen mit Ordensleuten, Priestern, Bischöfen und Ökumene-Vertretern aus Marokko in der Kirche von Rabat.

von Stefanie Stahlhofen

Die hinteren Bänke der Kathedrale sind teilweise leer. So etwas sollte Christen, sagt der Papst hier, auch wenn sie wie in Marokko eine kleine Minderheit bilden, nicht stören: Ihr Wirken hänge nicht davon ab, wie viel Raum sie besetzten, „sondern von der Fähigkeit, Verwandlung, Erstaunen und Mitleid zu bewirken“, so Franziskus. Dabei spricht er nicht von der Kanzel, sondern sitzt an einem Tisch vor dem Altar, flankiert von den zwei spanischen Erzbischöfen der einzigen Bistümer Marokkos, Rabat und Tanger.

Eine besondere Geste ist die Begrüßung des Papstes mit dem 95-jährigen Trappisten Jean-­Pierre Schumacher, dem letzten Überlebenden des Massakers von Tibhirine. ­Einige Worte wechselt der Papst auch mit Ökumene-­Vertretern, etwa der evangelischen Pastorin Karen Thomas Smith, Vorsitzende der Evangelischen Kirche in Marokko. Wie am Vortag wirbt Franziskus für die „Brüderlichkeit aller Menschen“.

Dialog mit dem Islam und anderen Religionen, Brüderlichkeit aller: der rote Faden der Marokko-Reise, den Franziskus bereits in Abu Dhabi gesponnen hatte. Dort unterzeichnete er Anfang Februar mit dem Großimam der Kairoer Al-Azhar-Universität, Ahmad Al-Tayyeb, eine muslimisch-­christliche Erklärung. Aus dieser zitierte Franziskus auch in Marokko immer wieder.

Zugleich setzte er dort einen neuen Akzent: Auch in Rabat unterzeichnete er am Samstag überraschend eine gemeinsame Erklärung. Diesmal mit dem König des Landes, Mohammed VI., zur Wahrung des Sonderstatus von Jerusalem als Heilige Stadt der monotheistischen Religionen. Der spezifisch „multireligiöse Charakter“ Jerusalems müsse gewahrt werden, friedliches Zusammenleben, gegenseitiger Respekt und Dialog der drei Weltreligionen gefördert. In der Erklärung fordern beide daher auch freien Zugang aller Gläubigen und freie Glaubensausübung. Gerade angesichts der erneut angespannten Situation im Nahen Osten setzen beide damit ein deutliches Zeichen für interreligiösen Dialog und Frieden.

Der Monarch demonstrierte auch sonst viel Einigkeit mit Franziskus. König Mohammed VI., Staatsoberhaupt und religiöser Führer in Personal­union, sendet bei der Begrüßung des Papstes auf Arabisch, Spanisch, Französisch und Englisch eine klare Botschaft: „Als König von Marokko und Führer der Gläubigen bin ich der Garant der freien Religionsausübung. Ich bin der Führer aller Gläubigen“, sagt er. Als dieser könne er nicht über das Land des Islam reden, als ob dort nur Muslime lebten – so der König, in dessen Land der Islam Staatsreligion ist und 99 Prozent der Bevölkerung dem sunnitischen Islam angehören. Explizit sagt er: „Ich schütze marokkanische Juden wie Christen aus anderen Ländern, die in Marokko leben.“

Vom Publikum bekommt der König großen Applaus für seine Rede, in der er auch Radikalismus verurteilt. Papst Franziskus stimmt ihm in seiner anschließenden Rede in diesem Punkt zu, verurteilt eine Instrumentalisierung der Religionen, um „Mord, Exil, Terrorismus oder Unterdrückung zu rechtfertigen“. Was die Religionsfreiheit angeht, macht der Papst hingegen deutlich, dass sich Gewissens- und Religionsfreiheit „nicht auf die Kultfreiheit allein beschränkt, sondern jedem erlauben muss, entsprechend der eigenen religiösen Überzeugung zu leben“.

Welche Bedeutung dabei Bildung spielt, hatte der König in seiner Rede auch betont. Umsetzen will er dies mit einem 2015 eröffneten Ausbildungszentrum für Imame, Prediger und Predigerinnen in Rabat, das beide im Anschluss besuchten. Papst Franziskus hatte bereits am Nachmittag bei seiner ersten programmatischen Rede auch das Thema Migration angesprochen: Marokko sei „natürliche Brücke Afrikas nach Europa“. Die Kirche in Marokko ist stark von Migranten geprägt, zudem ist der Mahgreb-Staat sowohl Ziel- und Transit- wie auch Ursprungsland von Migranten.

Zum Ende seines ersten Besuchstages zeigt Franziskus, wie wichtig ihm das Thema ist – da trifft er am Sitz der Caritas des Erzbistums Rabat mit Migranten zusammen. Allein das ist ein erneutes Zeichen von Solidarität.

In diesem Kontext hat auch die Frage, die der Papst in der Abschlussmesse stellt, einen besonderen Klang: „Wer hat das Recht, bei uns zu bleiben, einen Platz an unseren Tischen und in unseren Versammlungen, in unseren Sorgen und Aufgaben, auf unseren Plätzen und in unseren Städten zu finden?“

Seine Antwort hatte er bei dem Treffen mit Migranten gegeben: „Jeder hat ein Recht auf Zukunft.“ Franziskus mahnte sichere, geordnete und geregelte Migration an. Die von ihm vorgegebene Maxime, zu schützen, zu fördern und zu integrieren müsse „Orientierungsrahmen für alle“ sein, so der Papst, der jeden in die Pflicht nimmt.

Und am Sonntag ermutigt er noch einmal alle zu christlichem Handeln: „Das Problem ist also nicht, wenige zu sein, sondern unbedeutend.“ Franziskus bestärkt in Marokko: Wer die christliche Nächstenliebe lebt, kann auch im Kleinen Großes bewirken. Sei es für Migranten, sei es im Dialog mit anderen Religionen.

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