„Mulier fortis“

Über eine starke Frau

Orientiert am Heiligenkalender der Kirche, kommt dieser Artikel zu spät; mit Blick auf den Festkalender des Erzbistums fast ein bisschen früh: In Brakel feiern sie immer am ersten Sonntag im August den Annentag, zu Ehren Mutter Annas. Ihr Festtag und der ihres Mannes Joachim ist eigentlich am 26. Juli.

Die Brakeler Mutter Anna mit ihrer Tochter Maria. Am kommenden Wochenende machen sich die beiden auf den Weg durch Brakel. Foto: Czembor

 

von Claudia Auffenberg

Anna und Joachim sind die Großeltern Jesu. Die Bibel erzählt über sie nichts, auch in anderen zeitgenössischen Quellen tauchen sie nicht auf, aber es liegt ja nun in der Natur der Sache, dass es sie gegeben haben muss. Und es ist doch auch wunderbar, sich vorzustellen, wie der kleine Jesus in den Armen seiner „Omma“ Trost suchte, wenn es zu Hause mal Ärger gab.

Anna und Joachim sind namentlich genannt erst in den apokryphen Evangelien, also in den Schriften, die vom Leben Jesu erzählen, aber nicht zum Neuen Testament gehören – auch, weil diese Schriften später entstanden sind. Die Erwähnung der Eheleute brachte aber nicht automatisch ihre Verehrung mit sich. Die begann erst im 6. Jahrhundert in Byzanz, dem heutigen Istanbul, als der Kaiser dort eine Kirche baute und sie der heiligen Anna weihte. Mit ungefähr 400-jähriger Verspätung widmete sich auch der Westen der „mulier fortis“, der starken Frau, und es dauerte noch einmal bis zum Jahr 1584, bis Papst Gregor XIII. ihren Festtag endgültig auf den 26. Juli festlegte. In dieser Zeit hatte die Annenverehrung schon einen Höhepunkt erreicht, landauf landab waren Annenkapellen errichtet worden, auch in Brakel. Die heutige Annenkapelle dort stammt aus dem Jahr 1719. Neben Brakel gibt es in Westfalen auch in Düren eine große Annentradition samt Kirmes, die Annenkirmes. Dort wird sogar ein Kopfreliquiar der Mutter Anna verehrt.

In ihrer liturgischen Verehrung spielt der Dienstag seit jeher eine besondere Rolle. Vielerorts – und auch in Brakel – wird an den neun Dienstagen vor Ostern bzw. in Brakel vor dem Annentag die Annennovene gebetet. Wa­rum der Dienstag? Weil Anna der Legende nach an einem Dienstag gestorben sein soll.

Wenn man über die reich entfaltete Annenverehrung liest, muss man sich fragen: Wo ist eigentlich der Gatte abgeblieben? Joachim teilt zwar nicht ganz das Schicksal seines Schwiegersohnes Josef, der ja irgendwie im Dunkel der Geschichte verschwunden ist, aber auch er spielt nur eine Nebenrolle. Der Legende nach ist er kurz nach der Geburt Marias gestorben, Anna hat daraufhin noch zweimal geheiratet – ihre späteren Ehemänner hießen Kleopas und Salomas, die auch jeder noch mal Vater einer Tochter namens Maria wurden. Sie alle zusammen bilden die sogenannte „Heilige Sippe“. Die Familie unseres Herrn zeugt von einer gewissen Komplexität.

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