Mit Flaschenpfand die Rente aufbessern

Altersarmut ist in Deutschland längst Realität

Flaschen sammeln statt Urlaub machen? Längst nicht alle können von der Rente ein sorgenfreies Leben führen – auch wenn sie ein Leben lang gearbeitet haben Foto: picture alliance

 

Dortmund/Erzbistum. Die alte Frau mit Rollator geht langsam über den Westenhellweg. Am frühen Morgen sind nur wenige Menschen auf der sonst so belebten Dortmunder Einkaufsstraße unterwegs. Die Seniorin macht einen leichten Schlenker in Richtung eines Mülleimers und schaut mit verstohlenem Blick kurz hinein. Dann schiebt sie den Rollator weiter, in seinem Korb hat sie bereits einige Pfandflaschen gesammelt. Insgesamt ein, zwei Euro, die die Rente aufbessern.

Wenn aktuell vor drohender Altersarmut für kommende Generationen gewarnt wird, dann ist das sicherlich richtig. Für diejenigen, die selbst längst betroffen sind, dürfte das aber kaum ein Trost sein. „Menschen, die von ihrer Rente nicht leben können und die unterstützende Leistungen erhalten, sind in Dortmund schon lange Realität“, erklärt Alwin Buddenkotte, Geschäftsführer des SKM – Katholischer Verein für soziale Dienste in Dortmund. Ein Grund, so Buddenkotte, sei der Strukturwandel, den das Ruhrgebiet in den 1970er- und 1980er-Jahren erlebt habe: „Die Kohle- und Stahlindustrie brach weg, viele wurden arbeitslos.“ Gebrochene Erwerbsbiografien, die in eine geringe Altersrente münden. Es sei manchmal kaum vorstellbar, mit wie wenig Geld manche Rentner ihren Lebensunterhalt bestritten, sagt SKM-Geschäftsführer Buddenkotte.

Karin Müller, die beim SKM in der Schuldnerberatung arbeitet, macht auf eine weitere Entwicklung aufmerksam: „Die Zahl der über 65-Jährigen, die verschuldet sind, steigt immer weiter an.“ Neben den jungen Menschen seien die Älteren momentan die Gruppe, bei der die Ver- und Überschuldung am schnellsten wachse. Aus den unterschiedlichsten Gründen – zum Beispiel weil nach dem Tod des Ehemannes die Miete für die Wohnung nicht mehr bezahlt werden könne.

Statt sich Hilfe zu holen, versuchten die Betroffenen dann, irgendwie „klarzukommen“. So würden Schulden angehäuft, um „über den Monat“ zu kommen.

Die Schuldnerberaterin erinnert sich an den Fall einer 67-Jährigen, die sich schließlich ihrem Sohn anvertraute. Der brachte sie zur Schuldnerberatung des SKM. Doch das habe viel Überredungskraft gebraucht. Karin Müller: „Die Schamgrenze ist in dieser Generation sehr hoch.“

Ein Aspekt, den auch Hildegard Drywa, Geschäftsführerin des SkF Dortmund, bestätigt: „Gerade ältere Frauen schämen sich, wenn sie Unterstützung beantragen sollen.“ In zwei Aufrufen zu Weihnachten hatte der SkF Dortmund zusammen mit dem SkH Hörde darum gebeten, diese Frauen zu unterstützen.

Hildegard Drywa: „Viele von ihnen haben in der Nachkriegszeit keine Ausbildung gemacht, haben sich um die Kinder gekümmert oder vielleicht irgendwo im Haushalt oder als Putzhilfe gearbeitet und so kaum eigene Rentenansprüche erworben.“

Als Alleinstehende „kämpfen“ sie sich durchs Leben. Mit den Weihnachtsspenden konnte in mehreren Fällen geholfen werden; etwa bei der Zuzahlung für eine neue Brille oder eine neue Matratze. Hildegard Drywa: „Manchmal fehlt sogar das Geld für die alltäglichsten Dinge.“

Andreas Wiedenhaus

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