Mein Weg mit Christus

Form und Intensität der Nachfolge Jesu finden ihr Maß am Hauptgebot der Liebe.

Eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr... Foto: Nanduu/photocase.de

 

Das Evangelium dieses Sonntags (Mk 10,17-27) wird vielen in den Ohren nachklingen. Denn in den Tagen der europäischen Flüchtlingsdramatik ist die Aussage, die der Evangelist Markus hier Jesus zuschreibt, noch einprägsamer als sie ohnehin schon ist: „Gib das Geld den Armen.“

Teilen, also vom eigenen Hab und Gut abgeben, ist ein Thema, das das Christentum von seinem Beginn an durchzieht und von seiner Nachdrücklichkeit über die Jahrhunderte nicht verloren hat.

Allerdings lohnt es sich, dieses Evangelium über die bekannte vergleichende Redewendung vom Kamel und dem Reichen und die damit verbundene Frage nach dem Umgang mit Besitz hinaus, einmal näher zu betrachten.

Der Evangelist Markus schreibt um etwa 70 n. Chr., also in einer Situation, in der die christliche Gemeinde noch sehr jung war. Eine Frage, die damals sehr aktuell war, lautete: Wie setze ich die Botschaft Jesu Christi in meinem Leben um? Zu dieser Frage gehörte auch die Überlegung: Wie intensiv kann ich mich in sie vertiefen? Welche Form der Nachfolge ist für mich die richtige? Diese Fragen haben bis heute ihre Aktualität behalten.

Dabei konnte und kann als allgemeine Grundlage für ein christliches Leben die Orientierung am Hauptgebot gelten, in welchem Jesus sämtliche Gebote, wie auch die 10 Gebote aus dem Alten Testament, mit einschließt:

„Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen und ganzer Seele, […]: Deinen Nächsten sollst du lieben wie dich selbst“ (Lk 10,27).

Der Mann, der Jesus anspricht, erwidert ihm, dass er schon seit seiner Jugend die genannten Gebote erfülle. Doch Jesus lässt es nicht dabei bewenden, sondern nennt ihm noch eine weitergehende Möglichkeit, sich in seine Lehre zu vertiefen: Er soll sein ganzes Geld – nicht nur den Überfluss – den Armen geben und sich Jesus anschließen. Doch dieser Schritt ist offensichtlich zu groß für ihn, sodass er traurig weggeht.

Und Jesus lässt ihn gehen. Er hatte ihn, heißt es, aufgrund seiner anhaltenden Treue zu den Geboten lieb gewonnen. Er verurteilt ihn nicht dafür, dass er diesen Schritt – zumindest zu diesem Zeitpunkt – nicht gehen kann. Jesus weiß, wie schwer es ist, sich von Besitz zu trennen. Dabei ist es weniger der Besitz als solcher, der dem Erlangen des Reiches Gottes, also dem Erlangen der Gemeinschaft mit Gott im Wege steht. Die Frage ist eher, welche Rolle der Besitz im eigenen Leben spielt und ob er dem Gebot entgegensteht: „Du sollst neben mir keine anderen Götter haben“ (Dtn 5,7). Für Jesus ist es wichtig, dass der Mensch sich von seinem Besitz nicht abhängig macht. Der Besitz ist kein Selbstzweck, sondern soll zur Unterstützung der Armen verwendet werden.

In einem weiteren Schritt der Vertiefung nimmt Jesus schließlich die Ganzhingabe eines Menschen an ihn und seine Botschaft in den Blick. Viele seiner Jünger haben nicht nur ihren Besitz, sondern auch ihre Familien zurückgelassen, um mit ihm zu leben. So ist im Markusevangelium beispielsweise von Petrus die Rede, der seine Frau und seine Schwiegermutter alleinlässt, um Jesus nachzufolgen (Mk 1,30).

Das heutige Evangelium verdeutlicht also, dass es für jede einzelne Person eine bestimmte Form, eine bestimmte Intensität in der Nachfolge Jesu gibt. Dabei geht es nicht um eine Wertung im Sinn richtig oder falsch; denn der Evangelist betont, dass das Reich Gottes für den Menschen letztlich immer ein Geschenk bleibt. Es geht für die gläubige Person vielmehr darum, wie der Mann im heutigen Evangelium, mit Jesus in einen Dialog zu treten über das eigene Leben als Christ und Christin.

Nicole Hennecke

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