Maria ging hinaus …

Gedanken zu Lk 1,39-45

Maria besucht Elisabeth. Fenster aus Taizé. Foto: picture-allianceMaria

 

Jesus „in Fleisch und Blut“ unter dem Herzen seiner Mutter so auch in den Gestalten von Brot und Wein.

Seit ich Pfarrer in Delbrück wurde und zum ersten Mal die Wallfahrt nach Werl begleitet habe, ist mir ein für mich damals neues Lied vertraut: „Maria ging hinaus zu Zachariä Haus …“ Dieses Lied, das auch wieder im Gotteslob steht (GL 824), beschreibt in den ersten fünf Strophen den Inhalt des Evangeliums vom 4. Adventssonntag: den Besuch Marias bei Elisabeth, oder – wie es in der Tradition genannt wurde – Mariä Heimsuchung. Maria hat vom Engel bei der Ankündigung der Geburt Jesu erfahren, dass ihre Verwandte Elisabeth trotz ihres hohen Alters noch ein Kind empfangen hat. Maria eilt nun zu ihr, um ihr in den Wochen vor der Geburt des Kindes beizustehen.

Das Lied lässt erahnen, dass die Begegnung dieser beiden Frauen nicht eine war, wie sie vorher schon zwischen den beiden stattgefunden haben mag. Ihre Begegnung ist von einer besonderen Zartheit und Freude geprägt. Beide Frauen sind gesegnet: sie empfangen ein Kind, ohne dass man dies unter den gegebenen Umständen für möglich gehalten hätte. Wenn auch das Kind der Elisabeth nicht direkt vom Heiligen Geist ist, so ist es doch durch Gottes Intervention empfangen worden.

Elisabeth wird beim Anblick Marias vom Heiligen Geist erfüllt und erkennt daher in der Jüngeren die „Mutter meines Herrn“. Elisabeth spürt, dass sie durch die Begegnung mit Maria gesegnet wird. Das Lied beschreibt es so: „… empfing die Jungfrau zart, zugleich gesegnet ward: Ihr Kind war gnadenvoll, im Haus ward allen wohl.“ Hier stehen sich zwei Frauen gegenüber, die erfahren haben, dass „für Gott nichts unmöglich ist“. Und sie spüren, dass für einen Moment die ganze Welt „ins Lot“ kommt, dass alles stimmig ist und dass alles durchwaltet ist vom liebenden Plan Gottes – allem äußeren Anschein zum Trotz. Das ist wohl gemeint damit, dass „allen wohl wurde“.

All dies zeichnet das Lied nach. In den beiden letzten Strophen aber beginnt die Deutung dieses Geschehens für uns heute. Vor allem die 7. Strophe deutet an, was die Feier dieser Begegnung vor 2 000 Jahren für uns heute bedeuten kann. Dort heißt es: „Ach bring, o Jungfrau rein, auch in mein Herz hinein das allerhöchste Gut, Gott Sohn in Fleisch und Blut, dass er für Seel und Leib zum Segen bei mir bleib.“ Hier kommt der Beter oder Sänger mit ins Spiel und formuliert, was er sich erhofft: So wie Maria Jesus in das Haus der Elisabeth getragen hat, so möge sie ihn auch in mein Herz tragen. Jesus, Gottes Sohn, wurde von Maria „in Fleisch und Blut“ zu Elisabeth getragen. Ein Hinweis auf die Menschwerdung Gottes, die das Grundgeheimnis unseres Glaubens ist. „Fleisch und Blut“ dürfte aber auch eine Anspielung auf die Eucharistie sein, in der wir Fleisch und Blut des Herrn empfangen.

Dieser Hinweis auf die Eu­charistie weist den Weg, wie „Heimsuchung“ für jeden von uns stattfinden kann. Dort begegnet uns Jesus, der Herr, mit seinem Fleisch und Blut. Er ist unsichtbar unter den Gestalten von Brot und Wein, so wie er unsichtbar unter dem Herzen Mariens war. Elisabeth erkannte ihn, weil sie vom Heiligen Geist erfüllt wurde. Und dies ist auch für uns die Vo­raussetzung dafür, dass wir Jesus erkennen. Der Heilige Geist allein kann uns die Augen öffnen für die Gegenwart Jesu in den Gestalten von Brot und Wein.

Heimsuchung ist so kein einfach vergangenes Datum, an das man sich erinnern kann oder es lässt, sondern es ist ein bleibendes Angebot Gottes an uns. Was an Weihnachten begann mit der Menschwerdung Gottes, setzt sich in der Eucharistie bis heute fort, damit Jesus „für Seel und Leib zum Segen bei uns bleib“.

Thomas Witt

Der Autor ist Domkapitular und Vorsitzender des Caritasverbandes im Erzbistum Paderborn.

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