Lernen und über sich selbst nachdenken

Ökonomie-Professorin Silja Graupe zu Gast in der Kommende / Bildung nicht an Wirtschaft ausrichten

Die Wirtschaftswissenschaftlerin Silja Graupe im Gespräch mit DDr. Richard Geisen von der Kommende. Foto: Körner

 

Dortmund. Da absolvieren Studierende ein Betriebspraktikum und wollen am Ende eigentlich nur wissen, wie gut denn die Zeit in ihre berufliche Biografie passt. Junge Uniabsolventen erkundigen sich schon gleich bei der ersten Stelle, wie es um die Chancen für einen Dienstwagen bestellt ist, hingegen haben sie wenig Fragen zum gewünschten Umgang mit Kunden. Solche Reaktionen erleben mittelständische Firmen mehr und mehr, berichtete Silja Graupe, Wirtschaftswissenschaftlerin an der noch jungen Cusanus Hochschule in Bernkastel-Kues, in der Dortmunder Kommende.

von Theo Körner

Die Beispiele zeigen nach ihren Worten durchaus plakativ die Grenzen von Inhalt und Lehre in den Wirtschaftswissenschaften. Die Ursache liege in einer inhaltlich und methodisch mangelhaften ökonomischen Bildung einerseits und der übertriebenen „Ökonomisierung der Bildung“ andererseits, so die Vizepräsidentin der Hochschule in freier Trägerschaft beim Abend in der Reihe „Profilierte Querdenker im Interview“.

Die Qualität von Schulen und Hochschulen werde ganz allein nach Leistung und Ergebnis bemessen. Das habe entsprechende Folgen für das Denken und Handeln der Studierenden. Denn ihre Arbeitsmarktfähigkeit stehe einzig und allein im Mittelpunkt.

Die Initiatoren der Hochschule in Bernkastel-Kues, zu denen die Referentin gehört, schlagen einen alternativen Weg ein und setzen andere Akzente, indem sie den Menschen als sich bildendes Wesen in den Mittelpunkt rücken.

Die Studierenden sollen sich nicht nur Wissen aneignen, was letztlich dazu führe, dass sie sich die immer gleichen Standardmodelle des Neo- oder Wirtschaftsliberalismus zu eigen machen, so Graupe. Den jungen Menschen solle und müsse auch Gelegenheit zur (Selbst-)Reflexion und zur kritischen Auseinandersetzung mit unterschiedlichen Wirtschaftslehren gegeben werden.

Das Studium solle Zeit und Raum für Perspektivwechsel geben und ermöglichen, sich bewusst und begründet für eine eigene Position zu entscheiden. Die Ausrichtung von Bildung allein nach wirtschaftlichen Kriterien ist nach Graupes Darstellung ein Phänomen, das längst nicht nur in Deutschland oder Europa sondern weltweit zu beobachten sei. Für die Wirtschaftswissenschaften habe es zur Folge, dass die Disziplinen mittlerweile vollkommen vereinheitlicht seien und es quasi keinen Unterschied mache, ob man in Paris, New York oder wo auch immer auf dem Globus studiere.

Diese festgezurrte Vereinheitlichung sei deshalb so problematisch – so die Referentin – weil letztlich ein neoliberales Wirtschaftsverständnis davon ausgehe, ohne Demokratie und politisch entschiedene Ordnungsvorgaben auskommen zu können. Damit habe die Entwicklung gesamtgesellschaftliche Dimensionen. Entscheidungen sollen demnach sehr bewusst den Gesetzen des Marktes überlassen werden, der die richtige Richtung vorgebe. Die sogenannte „financial education“, die junge Leute fit machen solle für wirtschaftliches Denken, habe allerdings eine deutliche Schattenseite. Laut dieser Lehre ist derjenige, der, aus welchen Gründen auch immer scheitert, selbst schuld an seiner misslichen Lage.

Für die Universitäten selbst führe die extreme Leistungs­orientierung sowie die Abhängigkeit von Drittmitteln, also von Sponsoren, die eine Hochschule aufgrund erbrachter Resultate unterstützen, ebenfalls zu erheblichen Konsequenzen. Denn der freie und offene Wettbewerb unter den Hochschulen bleibe dabei auf der Strecke, unterstrich die Professorin auf Nachfrage von Moderator DDr. Richard Geisen.

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