Leben in der Wüste

Gedanken zu Mt 4,1-11

Eine Wüste unserer Zeit: Bankentürme in Frankfurt. Foto: dpa

 

Christsein in der Welt bedeutet mehr denn je in einer Wüste leben.

von Andreas Kurte

Sie trug gerne farbenfrohe Kleider, liebte die Musik und die Dichtung und sie traf sich zum Gespräch mit einem Freund lieber in einer Kneipe im Pariser „Quartier Latin“ als im Sprechzimmer eines Klosters. Von der französischen Christin Madeleine Delbrêl ist hier die Rede, die mir in den Sinn kam, als ich für mich darüber nachgedacht habe, was das biblische Bild von der Wüste uns heute sagen kann.

Ihr Leben, das im französischen Katholizismus des frühen 20. Jahrhunderts begann, führte sie durch eine Zeit des Atheismus, bis sie über eine persönlich schwierige Konversion wieder den Weg zum katholischen Christentum fand. Im Zentrum von Ivry, der ersten kommunistisch regierten Stadt Frankreichs, lebte sie bewusst ihre christliche Existenz zusammen mit Gleichgesinnten, mit denen sie sich zur Bibellektüre und zum Gebet traf.

Hier baut sie eine Sozialstation auf, engagiert sich politisch, bezieht Stellung zu sozialen und politischen Fragen ihrer Zeit. Ihre Grundidee ist das christliche Leben mit und in der Zeit in der säkularen Großstadt. Hier lebt sie der Welt und Gott zugewandt; mit Freude am Leben, immer im Bewusstsein, von Gott berufen zu sein. Die weltlichen Lebensräume der Christen sieht sie als „Missionen der Wüste, in denen man Gott inmitten der Welt sät, sicher, dass ER irgendwo sprossen wird“, denn: „Wo keine Liebe ist, pflanzt Liebe, so werdet ihr Liebe ernten.“

Kurz vor ihrem Tod schreibt Madeleine Delbrêl: „Ich war von Gott überwältigt worden und bin es noch.“ Von Gott gefunden zu sein, das ist ihre Berufung und damit die Grundlage ihres Lebens. Sie sieht die Wüste der Großstadt und die Wüste der Welt als den Ort, um dort ihre Berufung durch Gott zu leben. Kein aus der Welt zurückgezogenes Christsein ist ihr Ding. Das, was ihr gleichsam in der Wüste an neuer Gemeinschaft mit Gott geschenkt worden ist, das will sie anderen mitteilen.

Das Vorbild der Madeleine Delbrêl ist mir eine Hilfe, um Berufung in der Wüste heute zu leben. Wüstenerfahrungen von Christen sind heute sehr unterschiedlich: Im Ringen um Gott, dessen Wege ich nicht verstehe. In der Erfahrung, dass ich im Alltag als Christin und Christ meinen Glauben bewusst leben muss in einem Umfeld, das der Sache Jesu immer gleichgültiger gegenübersteht. Im Wissen, dass ich heutzutage in bestimmten Kreisen schneller Applaus ernte, wenn ich aus der Kirche austrete, als dass ich mich zu einem praktizierten Christentum bekenne. In der Vorahnung, dass wir als Kirche in Deutschland kleiner werden, nicht zuletzt durch die demografische Entwicklung.

All das sind Wüstensituationen, in denen ich gefordert bin, meine Berufung zu leben. Dies wird nur gelingen, wenn ich in meinem Glauben tief verwurzelt bin, wenn ich selbst diesen Gott als einen Wegbegleiter in meinem Leben erfahren habe. Madeleine Delbrêl hat ihre Gottesberufung als Berufung verstanden, ihren Glauben in Zeitgenossenschaft zu leben. Hier im Kreis der gleichgesinnten Gefährtinnen fand sie immer neu die Kraft, sich der Wüste, in der sie lebte, zu stellen.

Das biblische Bild von der Wüste möchte uns ermutigen, unser Christsein zu leben, nicht als ein Rückzug in die Einsamkeit, sondern als „Kirche in der Welt von heute“. Die Kirche ist Zeichen Gottes in dieser Zeit. Christen dürfen nicht stumm werden angesichts der Herausforderungen unserer Zeit. Christen müssen sich gegenseitig ermutigen, die eigene Berufung zu leben in der Wüste der Großstadt, in der Wüste der Kleinstadt und, in Zukunft auch stärker, in der Wüste der ländlichen Umgebung.

Zum Autor: Msgr. Andreas Kurte ist Dom­kapitular und Leiter der Zentral­abteilung „Pastorales Personal“ im Erzbischöflichen General­vikariat in Paderborn.

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