Kollege Koolen

Nicht „für“ die Menschen, sondern „mit“ ihnen: Arbeiterpriester Albert Koolen

Kaum jemand weiß, dass er Priester ist: Albert Koolen in der Paderborner Kapuzinerkirche während des Sozialkirchentages.Foto: Flüter

 

Erzbistum Paderborn. Albert Koolen war einer der Redner auf dem Sozialkirchentag in Paderborn. Eingeladen hatten ihn die Veranstalter, weil er als einer der wenigen Arbeiterpriester von der Realität des Lebens „ganz unten“ berichten kann.

Vor kurzem war Albert Koolen nach längerer Zeit mal wieder im Aachener Generalvikariat. Er brauchte finanzielle Unterstützung. Sein Konto bei seiner Bank war absolut im roten Bereich, er konnte die Miete nicht mehr zahlen. Mit einem Gehalt von 1150 Euro im Monat kann man auch in Krefeld keine großen Sprünge machen und als der Untermieter von Albert Koolen, ein junger Bulgare, monatelang die vereinbarte Miete schuldig blieb, belastete Koolen seinen Dispo – so lange, bis nichts mehr ging.

„Ich kann es ja verstehen“, sagt Albert Koolen, „der junge Mann muss zu Hause in Bulgarien eine Familie versorgen.“ Das Generalvikariat half ihm aus der finanziellen Klemme. Schließlich ist Koolen seit 1987 Priester der Diözese Aachen, auch wenn er mit der Amtskirche vergleichsweise wenig zu tun hat. Das liegt an seinem Status: Er ist Arbeiterpriester, einer von sechs in Deutschland.

In der Firma, in der er jetzt arbeitet, weiß niemand davon. Albert Koolen trägt sein Priesteramt nicht vor sich her. Seit sieben Jahren arbeitet er in dem Unternehmen, das Leih-Pkw annimmt und für die nächsten Kunden vorbereitet. Das ist harte Arbeit, manchmal müssen 200 Wagen pro Schicht bearbeitet werden. Koolen ist für den Kundenkontakt zuständig. „Die Autos waschen könnte ich gar nicht mehr“, sagt er, „das würde ich körperlich nicht schaffen.“

Er ist der älteste Mitarbeiter in der Firma. Noch steht Koolen die Schichten durch, er sieht jünger aus, als er mit seinen 56 Jahren ist. Wenn er in Rente geht, ist die nächste Krise vorprogrammiert. „650 Euro, mehr werde ich dann nicht kriegen“, sagt er, „immer Billigjobs, da kommt einfach nichts zusammen.“

Zehn Euro verdient er in der Stunde, er hat sich hochgearbeitet. Viele Kollegen erhalten nur den Mindestlohn von 8,50 Euro. Einen Tarifvertrag gibt es in dem Unternehmen nicht, einen Betriebsrat auch nicht. Vor einiger Zeit haben die Chefs erfahren, dass Albert Koolen Arbeiterpriester ist. „Überrascht waren sie nicht“, sagt er, „sie kennen mich ja schon länger.“

Nicht dass Koolen ein Rädelsführer wäre oder ein Anstifter von Protesten. Dass er politisch links steht, verhehlt er nicht und angesichts der um sich greifenden Globalisierung scheint er fast resigniert zu haben. „Gleichheit und Gerechtigkeit sind nicht durchzusetzen“, sagt er in Paderborn über die große Politik. Verändern könne man nur noch im Kleinen, in stiller Solidarität mit Kollegen, Nachbarn, Menschen in Not. „Ich gehe mit, wenn die anderen gehen“, sagt Koolen, „aber ich gehe nicht voran.“ Er will niemand sagen, was er denken und tun soll. Helfen schon. Wenn jemand Unterstützung braucht, dann ist er an dessen Seite, motiviert und ermutigt. Ansonsten ist er ein Kollege.

In seinem letzten Job war das noch anders. Das war in der Textilindustrie. Koolen arbeitete dort jahrzehntelang, verlor sogar einen Finger in einer Maschine. Er wurde Betriebsrat. „Am Ende war die Firma pleite“, sagt Koolen. „Ich konnte daran nichts ändern.“ Engagement und Mitarbeit innerhalb von Institutionen und Strukturen bringen nichts, weiß er seit diesem Ereignis. Das ist die Überzeugung der „Arbeitergeschwister“, wie sich die Arbeiterpriester untereinander nennen. Ihr Leitwort lautet: Nicht „pour“, sondern „avec“. Sie sind nicht „für“ , sondern sind „mit“ dem anderen.

Seit 1991 geht Albert Koolen diesen Weg, den sonst kaum einer freiwillig einschlägt. Wer mit Niedriglöhnen, Ausgrenzung und Chancenlosigkeit leben muss, versteckt das.

Albert Koolen kann fühlen, was es bedeutet, ganz unten zu sein, weil er selber unten ist. Das ist oft schwer auszuhalten. Als er Flüchtlingen half, bekam er den manchmal versteckten, manchmal offenen Rassismus mit. Ein Gefühl der Fremdheit im eigenen Land habe auch ihn überfallen, sagt er.

Das antwortet Albert Koolen, wenn man ihn nach der aktuellen politischen Lage fragt. Den großen Überblick, die Theorie, vermeidet er. „Es geht um Haltung“, sagt er, „kann ich wirklich für das einstehen, was ich glaube?“ Dazu gehört der Respekt vor jedem Menschen. Wenn jemand aus Scham die Not versteckt, dann akzeptiert er das. Wer ist er, dass er dem Kollegen oder Nachbarn erklären könnte, wie dieser sich zu fühlen hat?

Trotz dieser Selbstbeschränkung hat Albert Koolen das Gefühl, er könne etwas verändern. Er erzählt die Geschichte von dem Flüchtling, der nach acht Jahren Aufenthalt in Deutschland abgeschoben wurde. Koolen sammelte Geld, um dem Mann die erneute illegale Einreise zu ermöglichen. Heute ist der Freund in Deutschland anerkannt. „Das hat insgesamt zwanzig Jahre gedauert, aber es hat sich gelohnt.“

Als seine alte Firma vor sieben Jahren pleite war, fragte die Kirche nach: Da er jetzt arbeitslos sei, könne er doch eine andere Aufgabe übernehmen. Koolen wollte nicht. Er hatte nach der Priesterweihe vier Jahre lang als Kaplan gearbeitet. „Das Pastorale ist nicht meine Sache“, sagt er. Er feiert Messen und ist ehrenamtlicher Ansprechpartner für bestimmte Gruppen in der Diözese, etwa für die Minderheit der katholischen Tamilen. Aber zurück in eine Pfarrgemeinde – nein, das konnte er sich nicht vorstellen.

Irgendwann besuchte ihn damals der Aachener Bischof Heinrich Mussinghoff. Der Bischof sprach lange mit dem Arbeiterpriester, bis er einen Entschluss fasste und diesen in einen Satz kleidete. Ein Satz, von dem Albert Koolen heute noch sagte, dass er die Sache auf den Punkt bringt: „Ich glaube, die Arbeitslosigkeit gehört zu Ihrem Weg dazu.“

Karl-Martin Flüter

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