Köppe, Poske, Lüchte

Einmaliges Brauchtum: Osterfeierlichkeiten in Attendorn

Die schönste Amtshandlung im Jahr sei das Semmelsegnen am Karsamstag, bekennt Dechant Andreas Neuser.Fotos: Lüttecke

 

Attendorn. Wenn am Gründonnerstag während des Abendgottesdienstes Orgel und Glocken verstummen, dann beginnt in der Hansestadt Attendorn ein einzigartiges und vielfältiges Osterbrauchtum.

von Meinolf Lüttecke

Am Karfreitag und Karsamstag werden „die Stunden geblasen“. Auf einem über 300 Jahre alten Flügelhorn, dem „Sauerländer Halbmond“, ertönen dann zwei lang anhaltende Töne im Oktavintervall aus den Fensteröffnungen über dem Glockenstuhl im Turm der Pfarrkirche in alle vier Himmelsrichtungen. Dieses Turmblasen gehört zu einem stattlichen Bündel vorösterlicher und österlicher Traditionen, die bereits nach Aschermittwoch starten, mit der „Poskeväter-­Versammlung“, wobei „Poske“ vom hebräischen Passah-­Mahl kommt. Den Vorsitz führt Dechant Andreas Neuser, erster Vorsitzender des Osterfeuervereines, der 1930 gegründet wurde. Es folgen eine Woche später die Jahreshauptversammlungen der vier nach den Stadttoren benannten Abteilungen. An den weiteren Samstagen vor Ostern wird dann das Holz gestellt, welches zu sogenannten „Bürden“ zusammengebunden und auf die „Köppe“ oder Feuerstellen mittels Lkw transportiert wird.

Ein Brauch, der ansonsten in Deutschland seinesgleichen sucht, ist die Segnung der Semmel am Karsamstag um 14.00 Uhr an der Nordseite der Pfarrkirche. Dann wird Gottes Segen für einige Tausend Osterbrote erbeten. Die Ostersemmel, dessen Teig mit Kümmel durchsetzt ist – wer das nicht mag, der kann diesen auch ohne Kümmel vom Bäcker bekommen –, hat an den beiden Enden je einen Einschnitt, sodass sich zwei Hörner bilden. Die Form erinnert an die Schwanzflosse eines Fisches, einem Christussymbol der frühen Christen. Die Segnung nimmt generell der Pfarrer von Attendorn vor. Dechant Andreas Neuser nennt dies, wie bereits seine Vorgänger Domkapitular Vorderwülbecke und Pfarrer Klinkhammer, „die schönste Amtshandlung im Jahr“.

Nach dem Segnen der Ostersemmel, das erstmals 1658 erwähnt wurde, gehen die Poskebrüder in den Stadtwald zum Schlagen der Osterkreuze. Die etwa 30 Meter langen Fichten werden von der Stadt Attendorn gestiftet. Gegen 17.30 Uhr findet das Vermessen der Kreuze statt und es folgt eine plattdeutsche Ansprache mit der Bekanntgabe der Maße.

Der Ostersonntag beginnt um 10.00 Uhr mit dem Osterhochamt in der Pfarrkirche. Ab 13.00 Uhr beginnt das Herrichten der Fichten auf den „Köppen“. Sie werden zunächst mit einem Querbalken versehen, sodass ein Kreuz entsteht. Danach befestigt man zwei weitere Streben als Symbol für die Arme Christi, die von den Enden des Querbalkens wieder zur Mitte des Stammes geführt werden. Die Osterkreuze werden mit Muskelkraft aufgerichtet. Anschließend schichtet man die „Bürden“ um das Kreuz. Das Lichterkreuz auf dem Turm der Pfarrkirche, welches um Punkt 21.00 Uhr erleuchtet wird, ist das Zeichen zum Anzünden der großen Osterfeuer.

Gegen 21.30 Uhr ziehen die vier Osterprozessionen mit den Prozessionslaternen, den „Lüchten“, sternenförmig zur Pfarrkirche. Es folgt die Osterabendandacht. Seit wann die Prozessionen stattfinden, ist nicht bekannt. Im Pfarrarchiv befindet sich ein Schreiben vom 28. März 1849, in dem Pfarrer Pielsticker beim Generalvikariat in Paderborn anfragt, ob die Prozession wieder stattfinden könne.

Die Sitte, vor jedem der vier Tore ein Poschefeuer abzubrennen und dann unter Vorantragung einer „Stecklaterne“ in geordnetem Zuge zur Pfarrkirche zu ziehen, sei in den Jahren zuvor wegen Schwierigkeiten bei der Einführung des „Heroldschen Gesangbuches“ und „unartiger Jugendlicher“ untersagt worden. Generalvikar Bokamp genehmigte, dass die Gläubigen „proceßionaliter“ unter Gesang und Gebet zur Pfarrkirche ziehen, jedoch begleitet von einem Geistlichen – wie auch noch heute.

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