Königlich – auf einem Esel

Gedanken zu Lk 19,28-40

Ein König üblichen Formats wäre damals mindestens auf einem Pferd, wahrscheinlich aber in einem Streitwagen in Jerusalem eingezogen. Jesus kommt auf einem Esel. Foto: Daniel Matthes / photocase

 

„Königliche“ Menschen brauchen keine auffälligen Insignien.

Vor vielen, vielen Jahren besuchte unsere Grundschulklasse die Karl-May-Festspiele in Elspe. Es war noch die Zeit, als nicht irgendein Schauspieler, sondern gewissermaßen der echte Winnetou dort zu erleben war, also Pierre Brice. Sein erster Auftritt im Stück war grandios: Auf einem schwarzen Pferd kam er von einem Berg hinuntergeritten und es brandete Applaus auf. An diese Szene und vor allem an ihre Wirkung bei uns Kindern erinnerte ich mich jetzt, als ich noch einmal sehr bewusst das Evangelium vom Einzug Jesu in Jerusalem las.

Die Ankunft eines „Promis“ erlebt man ja in der Regel nur als Fernsehzuschauer. Stars flanieren –begleitet von kreischenden Fans und einer hysterischen Presse – über den roten Teppich, Staatsgäste werden mit militärischen Ehren begrüßt. Die Art der Ankunft eines wichtigen und/oder berühmten Menschen ist bedeutsam und daher wohlinszeniert: Wer empfängt ihn und wo? Wo steht die Kanzlerin, wo die Presse, wo das jubelnde Volk? Und natürlich: Mit welchem Auto fährt der Gast vor?

Als der Papst im vergangenen Jahr Barak Obama besuchte, fuhr ein langer Konvoi mit dicken Autos vorm Weißen Haus vor, mittendrin ein kleiner Fiat. Aus ihm stieg Franziskus. Ein starkes Signal! Denn wie man gelegentlich hört, ist in den Führungsetagen dieser Welt die Frage des Dienstwagens einer der wichtigeren Angelegenheiten.

Auch für Jesus ist das Transportmittel anscheinend sehr wichtig. Die Besorgung des Esels wird jedenfalls sehr ausführlich erzählt und zweimal heißt es eindringlich: Der Herr braucht ihn.

Jesus hätte den Weg sicher auch zu Fuß machen können. Vermutlich ist er als frommer Jude oft in Jerusalem gewesen. Wenn er jetzt auf einem Esel kommen möchte und kommt, ist auch das eine Inszenierung. Und es ist nicht nur einfach die Inszenierung der Bescheidenheit oder der Volksnähe. Jesus inszeniert sich hier als König, und zwar als demütigen Friedenskönig. Das Drehbuch, wenn man das einmal so sagen darf, findet sich im Alten Testament, im Buch Sacharja. Dort heißt es im 9. Kapitel: „Juble laut, Tochter Zion! Siehe, dein König kommt zu dir. Er ist gerecht und hilft; er ist demütig und reitet auf einem Esel, auf einem Fohlen, dem Jungen einer Eselin.“

Ein König des üblichen Formats wäre damals mindestens auf einem Pferd, wahrscheinlich aber in einem Streitwagen in Jerusalem eingezogen. Jesus kommt auf einem Esel und das heißt hier wohl: Ausdrücklich nicht in einem Streitwagen, allerdings auch nicht zu Fuß unter ferner liefen. Er ist ein König! Aber ein ganz anderer.

Die kommenden Tage werden denn auch alles andere als königlich. Der Empfang ist noch euphorisch und eines Königs würdig. Doch kurz danach beginnt das Drama, an dessen Ende Jesus eine ganz andere Krone tragen wird. Und alle königlichen Insignien, die ihm umgehängt und angeheftet werden, dienen nicht der Verehrung, sondern des Spotts. Der Zuruf der Pharisäer, Jesus möge seine Jünger zum Schweigen bringen, könnte eine Art Warnung an Jesus sein, womöglich sogar gut gemeint: Vorsicht, benimm dich lieber unauffällig, sie haben dich im Visier!

Doch die Antwort Jesu klingt entschlossen. Dieser König ist nicht mehr zu stoppen und nicht zu verschweigen. Wenn es sein muss, werden es sogar die Steine, die
totesten aller toten Gegenstände hinausschreien: Dieser auf dem Esel kommt im Namen des Herrn!

Claudia Auffenberg

Lektorin im Bonifatius Verlag für den Bereich Religion

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