Kirche an die Uni bringen

Die Katholischen Hochschulgemeinden im Erzbistum: vielfältige Angebote, persönliche Hilfen

Gespräch in der Caféteria der Uni: Gemeindeassistent Eric Bernhard, Wioletta Czichon, Katharina Röth, Johannes Frenz und Studentenpfarrer Nils Petrat (v. l.). (Foto: Wiedenhaus)

 

Paderborn/Bielefeld. Zeit und Raum für Gott und Religion an der Uni? Ausgerechnet an einem Ort, wo junge Menschen besonders kritisch sind, wo Leistungsdruck herrscht und seit der Studienreform kaum noch Gelegenheit für etwas anderes als Lernen bleibt? „Gerade hier!“, lautet die Antwort der Katholischen Hochschulpastoral auf diese Fragen. An fünf Uni-Standorten im Erzbistum Paderborn sind katholische Hochschulgemeinden in dieser nicht ganz einfachen Gemengelage aktiv. Ein Besuch in Paderborn und in Bielefeld.

„Um zwölf Uhr sind wir mit den Studierenden verabredet.“ Der Paderborner Studentenpfarrer Nils Petrat blickt auf die Uhr, mit Gemeindeassistent Eric Bernhard ist er auf dem Weg zur Caféteria. Das Semester hat noch nicht begonnen, doch es ist trotzdem brechend voll. Viele Erstsemester absolvieren in dieser Woche Vorbereitungskurse.

Vor dem Caféteria-Eingang warten Wioletta Czichon, ­Ka­tharina Röth und Johannes Frenz.

Sie engagieren sich in der KHG und gehören zum Gemeindeteam, das Angebote vorbereitet und das Semesterprogramm gestaltet. Trotz des Andrangs findet sich ein Tisch, an dem alle Platz haben. Wioletta studiert an der Uni Französisch und katholische Religion, Katharina Englisch und katholische Religion, Johannes ist an der KatHO für Religionspädagogik eingeschrieben.

Eines haben die drei gemeinsam: Sie waren schon vorher kirchlich engagiert und haben sich in Paderborn eine „neue Gemeinde“ gesucht. Eine Gemeinde mit vielen Vorteilen, wie Katharina findet: „Wo in der Pfarrgemeinde vieles an eingefahrenen Strukturen scheitert, ist hier viel mehr Raum zum Ausprobieren!“ Das sei schon durch die Semester-Struktur vorgegeben, stimmt Wioletta zu: „Jedes halbe Jahr gibt es ein neues Programm, da muss nicht immer alles perfekt klappen, schließlich kann man in sechs Monaten etwas Neues starten!“

Die KHG sei eine „Gemeinschaft auf Zeit“, in der sich junge Leute aus eigenem Antrieb engagierten, fasst Johannes Frenz die Einstellung zusammen: „Es gibt ein Kommen und Gehen, und das allein sorgt für Fluktuation und neue Ideen.“ „Wir sind eine Gemeinde für Menschen in einer ganz bestimmten Lebenssituation“, meint Katharina. Ein Punkt, der auch für Seelsorger Nils Petrat wichtig ist: „Wenn man die Lebensentwürfe der jungen Menschen akzeptiert, lässt sich auf dieser Basis sehr vieles verwirklichen.“

Alle drei Studierenden bezeichnen sich als „Exoten“ in dieser Umgebung – doch das tun sie mit Selbstbewusstsein und Humor: „Engagement in der KHG gilt an der Uni nicht unbedingt als cool, aber damit kommen wir klar“, bringt Wioletta die gemeinsame Einstellung auf den Punkt.

„Exoten“ vielleicht, aber nicht abgeschottet oder eigenbrötlerisch: Deshalb seien auch die KHG-Angebote so wichtig, die nichts mit Glauben oder Kirche zu tun hätten, meint Johannes – beispielsweise Koch-, Tanz- oder Musikkurse: „Da findet Austausch auf einer anderen Ebene statt, dieser Input von außen tut beiden Seiten gut!“ „Selbst wenn jemand ganz gezielt etwa nur zu einem Gitarrenkurs kommt und sonst kein Inte­resse hat, geht das in Ordnung“, macht Eric Bernhard deutlich, und Nils Petrat ergänzt: „Junge Menschen sind manchmal einfach pragmatisch, das muss man akzeptieren.“

Es gebe „Berührungsängste“ von Seiten der Universität mit Religion“, erläutert Petrat den Stand der KHG an der Uni: „Die weltanschauliche Neutralität wird bei allen Gelegenheiten betont.“ Die KHG hat ihre Räume in der Paderborner Innenstadt, an der Uni selbst gibt es nur einen Schaukasten, mit einem Info-Stand sind KHG-Vertreter jeden Mittwoch im Semester aber auch persönlich präsent. „Eine He­rausforderung“, gibt der Seelsorger zu, nicht zuletzt angesichts von bisweilen harscher Kritik, die geäußert werde. Letztlich, so der Seelsorger, überwiegen aber die positiven Aspekte: „In meiner Arbeit als Seelsorger der Hochschulgemeinde habe ich gerade die Einzelsorge in den vergangenen Jahren neu entdeckt.“ Ihm fallen viele Gespräche „in großer Intensität“ ein.

Szenenwechsel: Mittwoch­abend in der Bielefelder City. Die katholische Hochschulgemeinde hat ihren Sitz am Klosterplatz, direkt an der Kirche St. Jodokus in der Fußgängerzone. Jeden Mittwoch­abend feiert die KHG im Altarraum der Kirche Gottesdienst. Bis zum Beginn ist noch etwas Zeit. Gerade hat Studentenseelsorger Lars Hofnagel ein Gespräch mit einem Studenten geführt, der in einer finanziellen Notlage ist und um Unterstützung bittet (siehe auch Kasten Seite 9), jetzt ist er auf dem Weg in sein Büro, wo er sich mit Sara Pietruschka, die als studentische Hilfskraft in der KHG arbeitet, und Sekretär Michael Luchte treffen will. „Wie viele Studierende heute Abend zum Gottesdienst kommen, kann man nicht sagen, schließlich hat das Semester noch nicht begonnen“, meint der Seelsorger.

„Der Großteil derer, die bei uns aktiv sind, war auch schon vorher kirchlich engagiert“, beschreibt Michael Luchte eine ähnliche Situation wie in Paderborn. Sara Pietruschka bestätigt das: „Die meisten kommen aus eigenem Antrieb und suchen gezielt den Kontakt.“

Allerdings nicht als Rückzugsort oder Refugium, sondern als eine Möglichkeit, den eigenen Glauben auch während des Studiums weiter zu leben, macht Lars Hofnagel deutlich: „Und das durchaus kritisch.“ Nicht zuletzt wegen des stark „verschulten“ Studiums seien die Prioritäten aber bei den meisten Studierenden ganz klar: „Das Hauptaugenmerk liegt auf dem Studium, was ja auch nachvollziehbar ist.“ Umso wichtiger sei, ist sich Hofnagel sicher, jungen Menschen in dieser Phase positive Erfahrungen in und mit der Kirche zu ermöglichen.

Doch Bachelor- und Masterstudiengänge haben noch einen weiteren Effekt, meint Michael Luchte: „Der Leistungsdruck hat zugenommen.“ Entsprechend häufig führt Hofnagel Gespräche, in denen es um Krisen und Probleme geht. „Prüfungsstress und die Angst vor dem Scheitern sind häufig Thema in solchen Beratungsgesprächen“, sagt der Studentenpfarrer.

So wie die Paderborner KHG an der Uni präsent ist, ist es auch die Bielefelder: immer mittwochs mit einem Info-­Angebot in der zentralen Uni-­Halle. „Manchmal kein leichter Stand“, wie Lars Hofnagel zugibt, „aber eine gute geistliche und psychologische Übung.“

In weltanschaulichen Fragen sei man „ein Anbieter unter vielen“ macht der Hochschulseelsorger deutlich, dem die persönliche Präsenz gerade deshalb so wichtig ist: „Als Kirche wirklich herausgehen und in diesem Umfeld ansprechbar sein, ist sicher eine Herausforderung, aber eine, die sich lohnt.“

Kein fester Raum in der Uni, eine Verwaltung, die auf Neu­tralität Wert legt und kritische Blicke mittwochs am Info-­Stand. „Ausgegrenzt“ sieht sich das Team der Bielefelder KHG trotzdem nicht. Stattdessen setzt man auf Kontakte und Kooperation – und das mit Erfolg, wie der Ökumenische Semester-Eröffnungsgottesdienst mit der Evangelischen Studierendengemeinde (ESG) am Mittwoch, 28 Oktober, um 19.15 Uhr zeigt: Er findet im Audimax, dem größten Hörsaal der Uni, statt.

Autor: Andreas Wiedenhaus

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