Jesus: Mensch und Brot für uns!

Gedanken zu Lk 1,26-38

Mariä Verkündigung auf der Tabernakeltür in St. Michael in Siegen. Foto: Ansgar Hoffmann

 

Die Menschwerdung Jesu in Maria findet ihre Fortsetzung in seiner Brotwerdung für die Vielen.

von Thomas Witt

Das Evangelium von der Verkündigung ist einer der am meisten in der Messe gelesenen Texte. Inhaltlich gehört es natürlich zum Fest der Verkündigung des Herrn. Denn das, was der Text berichtet, wird an diesem Fest gefeiert: Das Wort wird Fleisch aus der Jungfrau Maria und zwar in dem Moment, in dem Maria ihren Sohn in ihrem Schoß empfängt. Das Fest der Verkündigung liegt genau neun Monate vor Weihnachten – wie das bei Menschen eben so ist!

Dieses Evangelium wird aber auch an verschiedenen Marienfesten gelesen – von denen es ja reichlich gibt. Und eben an diesem vierten Advent, der in diesem Jahr auch noch auf Heiligabend fällt. Am Sonntag vor dem Geburtsfest des Herrn rekapituliert die Liturgie sozusagen noch einmal die Vorgeschichte.

Aber dieses Evangelium weist auch über Weihnachten hinaus. Irgendwann während meines Studiums fiel mir auf, dass ich schon auf mehreren Tabernakeln gesehen hatte, dass dort die Verkündigung dargestellt war. Inzwischen habe ich viele weitere solcher Tabernakel gesehen. Was hat das miteinander zu tun: die Verkündigung des Engels an Maria und der Tabernakel?

Zwei Gedanken dazu: Zum einen gibt es eine Parallele zwischen dem Tabernakel und Maria: Maria wird im Augenblick der Verkündigung und Empfängnis zum Tabernakel Gottes: Sie trägt Gott in diese Welt; durch die Empfängnis im Schoß Mariens „zeltet“ Gott unter uns, wie man die Fleischwerdung auch übersetzen kann (vgl. Joh 1,14). Und der Tabernakel ist ja wörtlich ein Zelt, das Zelt Gottes unter den Menschen.

In dieser Aufnahmebereitschaft ist Maria für alle Zeiten Vorbild für den gläubigen Menschen: Jeder soll sich öffnen und Jesus Raum in sich und damit in der Welt geben, oder eben: zum Tabernakel werden, in dem Gott in dieser Welt gegenwärtig bleibt und wirkt.

Die zweite Beziehung zwischen dem Tabernakel und der Verkündigung sehe ich in Jesus selbst: In der Verkündigung beginnt das, was Johannes als Fleischwerdung beschreibt. Und in gewissem Sinn kann man die Fleischwerdung Jesu fortschreiben in die Brotwerdung: Jesus hat uns die Eucharistie gegeben, das Sakrament seines Fleisches und Blutes und macht so sein Versprechen wahr: „Ich bin bei euch alle Tage bis zum Ende der Welt“ (Mt 28,20).

Ohne die Verkündigung, ohne Weihnachten, gäbe es auch kein Ostern und keine Eucharistie. Die Verkündigung auf dem Tabernakel schlägt also den Bogen vom Beginn des Erlösungswerkes Jesu bis zu der Weise, in der er weiterwirkt – bis er wiederkommt. Und auch dies ist nicht eine bloße Feststellung, sondern auch eine Aufgabe für uns: Jesus gibt sich selbst zur Speise dar; er will Stärkung sein auf dem Weg zu Gott. Und auch wir sollen Brot werden für andere: nicht im Sinne der eucharistischen Wandlung, sondern ganz handfest: Wir sollen teilen und helfen. „Gebt ihr ihnen zu essen“ (Mt 14,16), fordert Jesus seine Jünger auf angesichts der 5 000 Menschen, die ihm gefolgt sind und hungrig waren. Und wenn das wenige, das die Jünger haben, mit dem Willen zum Teilen und der Macht Gottes zusammenkommt, dann werden alle satt.

Menschwerdung und Brot für die Vielen gehören ganz eng zusammen. Heiliger Abend und Weihnachten sind keine für sich stehenden Tage mit möglichst großem Wohlfühlfaktor. Sie sind Teil des Geheimnisses Jesu, der uns in dieses Geheimnis mit hineinnehmen will und uns so zu neuen Menschen, zu seinen Jüngern machen will. Deshalb gehört zu Weihnachten auch das Geheimnis von Tod und Auferstehung; und es gehört dazu die Aufgabe, Brot für viele zu werden. Denn über allen christlichen Feiern und allem Tun steht der Auftrag des Herrn: „Macht alle Menschen zu meinen Jüngern“ (Mt 28,19). So sollen wir und alle das Leben in Fülle finden.

Zum Autor:

Dr. Thomas Witt ist Dom­kapitular und Vorsitzender des Caritasverbandes im ­Erzbistum Paderborn.

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