Jeder achte Anrufer dachte an Suizid

Mehr Onlinekontakte bei Telefonseelsorge / Themen der Beratung spiegeln gesellschaftliche Situation

Foto oben: Thomas B / pixabay
Kl. Foto: Die Leiterinnen der Telefonseelsorge: Monika Krieg (l.) und Pfarrerin Dorothea Wahle-Beer.

 

Kreis Paderborn. Auch im Jahr 2018 suchten zahlreiche Menschen in schwierigen Lebenssituationen Rat und Hilfe bei der Telefonseelsorge Paderborn. Dies zeigt die statistische Auswertung der Beratungskontakte, die jetzt veröffentlicht wurde.

Im vergangenen Jahr sind die Anrufe wie schon in den Vorjahren weiter zurückgegangen. Dies verwundert nicht, meinen die Leiterinnen der Einrichtung, Monika Krieg und Pfarrerin Wahle-Beer. „Statistisch sehen wir, dass das Telefon eher von älteren Ratsuchenden genutzt wird. Im vergangenen Jahr waren nur 21 Prozent der Anrufenden jünger als 40 Jahre. In der Onlineberatung dagegen ist das Altersverhältnis genau umgekehrt.“

Grund genug, an der Ausweitung des digitalen Angebotes zu arbeiten. Derzeit entwickelt die Telefonseelsorge Deutschland eine Krisen-App zur Suizidprävention für Betroffene und Angehörige.

Die Ratsuchenden kamen mit vielfältigen Anliegen: Manche brauchten Zuspruch und ein gutes Wort für den Tag, andere „nur“ ein offenes Ohr, wieder andere Unterstützung bei der Entscheidungsfindung. Besonders herausfordernd waren die Gespräche mit Menschen, die sich mit Suizidgedanken oder sogar -absichten trugen – immerhin 12 Prozent aller Gespräche.

Rund zwei Mal täglich waren die Ehrenamtlichen mit dieser existenziellen Thematik befasst, bei der die Betroffenen in ihrem eigenen Umfeld kaum Ansprechpartner fin-den. In den Onlinekontakten lag die Quote sogar bei 20 Prozent, weil die Nutzer aufgrund der hohen Anonymität ihre existenziellen Konflikte viel direkter und ehrlicher ins Wort bringen.

Die Phänomene, die derzeit gesellschaftlich breit diskutiert werden, kamen auch bei der Telefonseelsorge zur Sprache. 18 Prozent der Ratsuchenden am Telefon machten Einsamkeit zum Thema; mehr als die Hälfte gaben an, allein zu leben. Die Zunahme psychischer Belastungen schlug sich in der hohen Zahl von Menschen nieder (43 Prozent), die eine diagnostizierte psychische Erkrankung nannten. Hier standen Niedergeschlagenheit, Depression und Ängste im Vordergrund. Ein weiteres großes Feld bildeten Beziehungsthemen: Probleme rund um Partnerschaft und Familie, Erziehung sowie der Umgang mit Freunden, Nachbarn und Kollegen.

Insgesamt, so die beiden Leiterinnen, war die Telefonseelsorge Paderborn auch 2018 als Teil der psychosozialen Versorgung im heimischen Raum gut aufgestellt.

Der verlässliche 24-Stunden-­Dienst wird von den Ratsuchenden selbst, aber auch von vielen Fachdiensten geschätzt. Sie wissen, dass die Telefonseelsorge als kompetenter Ansprechpartner auch dann für Menschen in Krisen präsent ist, wenn ihre eigenen Dienststellen nicht zur Verfügung stehen: nachts, am Wochenende und an Feiertagen.

Im Herbst 2019 beginnt ein neuer Ausbildungskurs für ehrenamtlich Mitarbeitende. Er ist bereits belegt. Voraussichtlich im Herbst 2020 wird ein Folgekurs angeboten, der im kommenden Frühjahr ausgeschrieben wird.

Die Telefonseelsorge ist erreichbar unter: 0800 / 111 0 111 oder 0800 / 111 0 222. Die Anrufe sind kostenlos!

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