Im Inneren des Turmes

Ausstellung in der Theologischen Fakultät Paderborn

Die Marktkirche in Paderborn ist eine Jesuitenkirche, sie sieht etwa so aus wie viele barocke Jesuitenkirchen auf der Welt und das heißt: Sie hat keinen Turm. Außen jedenfalls, denn innen hat sie derzeit einen.

Reinhard Buxel neben seinem Turm in der Marktkirche.

 

In der Seitenkapelle steht gerade einer, der ein bisschen an ein Bürohochhaus erinnert oder auch an ein ­Jenga-Spiel, das bald umfällt. „Neun Etagen“ heißt das Werk des Künstlers Reinhard Buxel und ist Teil der Ausstellung „Türme und Räume“, die Ende April eröffnet worden und noch bis zum 13. Juli zu sehen ist. Weitere Exponate stehen in der Theologischen Fakultät und deren Garten.

Parallel zur Ausstellung läuft an der Fakultät ein Seminar, das Prof. Dr. Josef Meyer zu Schlochtern anbietet. Darin geht es um den Turm in Kunst, christlicher Ikonografie und Kulturgeschichte. Sehr verallgemeinernd kann man sagen: Türme demonstrieren Macht und Stärke. Kirchtürme hatten zudem oft eine Schutzfunktion, sie waren Wehrtürme, was man von den Bankentürmen unserer Zeit wohl nicht mehr sagen kann.

Wenn man den Künstler Buxel fragt, warum er Türme mache, dann sagt er, er mache gar keine Türme. Er schaffe Räume. Ach stimmt, Türme haben natürlich ein Innenleben. Und eben auch seine Felsblöcke. Er schneidet sie in Scheiben und zieht sie durch geometrisch angeordnete hochkantgestellte Einsätze auseinander, wobei die Form des Steines die Form des Werkes vorgibt. Und was sieht man darin? Das muss auf einer bestimmten Ebene der Betrachter selbst entscheiden. Der Turm in der Marktkirche jedenfalls zeigt, dass dieser Stein eine Geschichte hat. Man sieht Verfärbungen, ähnlich wie Jahresringe. 330 Millionen Jahre sei der Stein alt, sagt Reinhard Buxel, entstanden südlich des Äquators. Gefunden hat er ihn bei Ibbenbüren. Wie bitte? Und nun steht er in der Marktkirche – irgendwie wundersam. Man ist erstaunt, auch irritiert, was nun wiederum im Sinne des Professors Meyer zu Schlochtern ist. Die Turmplastiken nämlich, sagt er, sollen durch ihre Platzierung Beziehungen zum Umraum aktivieren. Das funktioniert ungefähr so: Man geht in den Garten der Fakultät, ein paar Autos, eine wunderschöne Rotbuche und dann steht da so ein Ding. Man schaut sich um, fragt sich: Was ist das, warum steht es dort und wie ist es da bloß hingekommen?

Oder: Vor einem Hörsaal steht ein weiterer Turm. Im Hörsaal geben die Professoren ihr Wissen weiter. Aber was heißt eigentlich Wissen? Wie weit reicht es? Sind nicht auch Professoren am Ende Menschen mit Grenzen? Der Turm zu Babel ist einem längst eingefallen, der ja aus gutem Grund nie fertig geworden ist. An der Fakultät, so erzählt Meyer zu Schlochtern noch, hat es allerdings im 17. Jahrhundert mal einen Gelehrten gegeben, Athanasius Kircher SJ, der meinte zu wissen, wie der Turm ausgesehen hat.

Claudia Auffenberg

Türme und Räume. Theologische Fakultät Paderborn, montags bis freitags, 10.00 bis 16.00 Uhr, Eintritt frei. Weitere Infos: www.thf-paderborn.de

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