„Ich bin mit euch“

Gedanken zu Mt 28,16-20

Die Gegenwart Jesu unter uns ist auf vielfache Weise erfahrbar; aber letztlich nicht machbar, sondern ein Geschenk.

Bunte Gemeinschaft: Das Zeichen & steht für Geschäftspartner, für Menschen oder Organisationen, die miteinander zu tun haben. Jesus bietet und stiftet Gemeinschaft, weniger fürs Geschäft, sondern fürs Leben. Foto: pixabay

 

von Werner Schaube

Es sind die letzten Sätze des Matthäusevangeliums, die an diesem Sonntag der zum Gottesdienst versammelten Gemeinde zugesprochen und in Erinnerung gerufen werden. Die neutestamentliche Szene, eine bewegende Begegnung im Licht der Osterbotschaft, zeigt uns die Jünger und den Auferstandenen. Nicht irgendwo, sondern „auf dem Berg“, dem biblischen Ort göttlicher Offenbarung.

Diese Wahrnehmung der besonderen Art – so unbeschreiblich sie auch sein mag – bringt der Evangelist ins Bild: sie fallen vor ihm nieder (staunend, das Unfassbare im Blick und gleichzeitig zweifelnd gerade in diesem Augen-Blick). Soviel Distanz mag man sich kaum vorstellen: dieser Jesus, mit dem sie Höhen und Tiefen, Freude und Leid durchlebt hatten, ist jetzt ihr ebenso leibhaftiges wie rätselhaftes Gegenüber.

Ein Wall von Fragezeichen türmt sich zwischen ihnen und dem gekreuzigten und von den Toten auferstandenen Herrn auf – wer sollte da nicht zweifeln, verzweifeln gar? Schrecksekunden, minutenlanges Schweigen, endloses Staunen – wer weiß, was da geschah und wie es wirklich gewesen sein mag. Nun aber: Jesus hebt die Distanz auf, er geht auf sie zu, spricht sie an. Kein Small Talk, keine Erklärungen, keine Verständnis- oder Glaubenshilfen, nein, nichts anderes als ein mit göttlicher Vollmacht gebotener Auftrag, was zu tun ist.

Zurückblickend wird man die kirchengeschichtliche Umsetzung dieses weitreichenden Missionsauftrags wie einen Film betrachten und dessen Ausführung bis auf den heutigen Tag ebenso fragend wie nachdenklich zur Kenntnis nehmen (mit all den großartigen Erfolgen und fatalen Missverständnissen) – wäre da nicht der letzte Satz: „Seid gewiss: Ich bin bei euch alle Tage bis zum Ende der Welt.“

Eine biblische Begegnungs-­Geschichte – was könnte sie uns heute mit auf den Weg geben? Es ist eine Zuversichts-­Erzählung! Denn uns geht es eigentlich kaum anders: Jesus hebt die Distanz auf, er kommt uns entgegen, spricht uns an – immer wieder, immer neu und überraschend. Seine Gegenwart ist Grund und Ziel unseres Glaubens, der im österlichen Bekenntnis seinen Ausdruck findet: „Er ist wahrhaft auferstanden, er lebt!“

Damit dieser Ausdruck christlicher Freude mehr als ein Lippen-Bekenntnis ist, sollte Jesu Geschichte mit uns alles durchdringen, die alltäglichen Fragen und Sorgen, das Suchen und Versuchen, das Gelingen und Versagen. Tatsächlich bleiben wir immer hinter unseren Möglichkeiten zurück – das ist wohl auch mit dem Glauben so! Im Umgang mit uns selbst und den anderen erfahren wir die Nähe Jesu, ganz sicher auch in der Gemeinde, im Hören des Wortes und im Brechen des Brotes. Unser Gottesdienst ist die Feier der universalen Zusage des Auferstandenen: „Ich bin bei euch!“

So wird die ganze Welt zu einem runden Tisch der Versöhnung und des Friedens: Wir müssen auf Gespräche, Verstehen und Verständnis setzen, in der Familie, in der Arbeits- und Freizeitgestaltung, im politischen Diskurs ebenso wie im gesellschaftlichen Miteinander. Und selbstverständlich ohne Einschränkungen auch im kirchlichen Leben! Im Geist der Geschwisterlichkeit und der Ökumene, im Bemühen um neue Sichtweisen und um eine glaubwürdige Lebensgestaltung aus dem Evangelium werden wir Jesus Christus wirklich neu entdecken. Und vielleicht geht es uns dann wie damals den Emmausjüngern: sie erkannten ihn beim Brotbrechen. Was für eine beglückende Überraschung!

Zum Autor:

Werner Schaube lebt als Oberstudiendirektor i. R. in Hagen

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