Ich bin der Hüter meines Bruders!

Wenn man von brutalen Verbrechen hört oder liest, fragt man sich: Wie ist ein Mensch zu so etwas fähig? Die Psychologie weiß, dass es im menschlichen Gehirn die Anlage zur Gewalt gibt und wie sie zum Ausbruch kommt. Aber wie kann sie unter Kontrolle gehalten werden oder noch besser: Wie kann man gegensteuern? Gibt es auch die Anlage zur Empathie, zum Mitgefühl?

Foto: inkje/photocase

 

von Claudia Auffenberg

Ja, sagt Professor Christoph Jacobs, Psychologe an der Theologischen Fakultät Paderborn, „diese Anlage gibt es!“ Der Mensch ist nicht einfach seinen Instinkten ausgeliefert. In seinem Gehirn gibt es das limbische System, das Aggression hemmen kann. Professor Jacobs klappt seinen Laptop auf und zeigt ein Video des Leipziger Max-Planck-Instituts. Zu sehen ist ein Versuch der dortigen Verhaltensforscher Warneken und Tomasello: Eine Mutter sitzt mit ihrem Kleinkind in der Ecke eines Raumes. Ein Mann hängt Wäsche auf, dabei lässt er eine Wäscheklammer fallen. Umgehend krabbelt das Kind los, greift nach der Klammer, richtet sich mühsam auf, reicht sie – und das ist aufregend: lächelnd! – dem Mann. „Helfen macht glücklich!“, sagt Jacobs.

Diese im Menschen angelegte Fähigkeit zur Empathie kann und muss gezielt gestärkt werden. Im Moment geschieht in der Gesellschaft eher das Gegenteil: Eine Selfie-­Mentalität macht sich breit. Also der Eindruck, man brauche den anderen nicht mehr, sondern könne und solle Dinge selbst machen. Diese Haltung führt dazu, dass man sich für den anderen nicht mehr verantwortlich fühlt. Und dann geschieht so etwas wie neulich im Schalterraum einer Bank in Essen. Jemand bricht zusammen, mehrere Kunden steigen über ihn hinweg, niemand hilft. Sich darüber zu empören ist das eine, daraus für sich persönlich Konsequenzen zu ziehen, das andere.

„Wir müssen die Goldene Regel einüben und vorleben“, sagt Jacobs. Die Goldene Regel ist die Mitte der Bergpredigt Jesu: „Alles, was ihr also von anderen erwartet, das tut auch ihnen. Darin besteht das Gesetz und die Propheten“, so überliefert der Evangelist Matthäus die Worte Jesu. Im Prinzip ist das auch der kategorische Imperativ Immanuel Kants. Wie auch immer die Angelegenheit formuliert ist: Es geht darum, sich im Klaren darüber zu sein, dass das eigene Verhalten immer Auswirkungen auf andere hat und dies ist daher mitzubedenken. „Alles andere können wir uns als Gesellschaft gar nicht leisten“, so Jacobs. Bin ich der Hüter meines Bruders, fragt Kain, als Gott ihn nach dem Verbleib Abels fragt. „Das müssen wir wieder lernen: Ja, ich bin der Hüter meines Bruders, meiner Schwester. Ja, er oder sie geht mich etwas an.“

Niemand ist von Haus aus besser als der andere, jeder muss sich um sein Gutsein kümmern. Jeder muss sich ganz persönlich, ganz bewusst vornehmen: Ich möchte ein guter, d. h. ein hilfsbereiter Mensch sein. Und dass Helfen und Gutes tun glücklich macht, das zeigen nicht nur die Videos von Warneken und Tomassello, das können auch die vielen erzählen, die sich derzeit für Flüchtlinge engagieren, das können überhaupt alle erzählen, die irgendwie ehrenamtlich tätig sind. Und das hat doch wahrscheinlich jeder schon mal erlebt.

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