Hunger nach mehr

Ein Rolls Royce ist toll, aber macht nicht satt. Foto: Clem Onojeghuo/unsplash

 

Jesus kennt die Versuchungen des Teufels und widersteht ihnen.

von Ansgar Wiemers

„Erfüllt vom Heiligen Geist, kehrte Jesus vom Jordan zurück.“ (Lk 4,1) Wie kam es zu diesem „Erfüllt-sein“? Jesus hatte sich „zusammen mit dem ganzen Volk“ (Lk 3,21) von Johannes im Jordan taufen lassen. Er hatte gebetet und dabei hatte er ein überaus existenzielles, intensives, absolut „begeisterndes“ Erlebnis gehabt: Der Heilige Geist war sichtbar in Gestalt einer Taube auf ihn herabgekommen. Und eine Stimme aus dem Himmel hatte zu ihm gesprochen: „Du bist mein geliebter Sohn, an dir habe ich Wohlgefallen gefunden.“ (Lk 3,22) Jesus Menschensohn und Gottessohn: ein plötzliches, überwältigendes Bewusstsein von universaler Einheit, Ewigkeit, Sprengung der eigenen menschlichen Begrenztheit hinein in einen überzeitlichen kosmischen Sinnzusammenhang, eintauchen und geradezu umflutet werden von göttlicher Klarheit und unbedingter Wahrheit – so, stelle ich mir vor, muss der Mensch Jesus seine Taufe und zugleich „Firmung“ erlebt und empfunden haben.

Davon ist Jesus erfüllt. Kein Wunder, dass er danach nicht weitermachen kann, als wäre nichts gewesen. „Du bist mein geliebter Sohn“ – das muss erst mal ausgekostet und dann auch verdaut werden. Das erschreckt und macht zugleich unendlich glücklich. Da hat erst mal nichts anderes Platz. Die Wüste bietet den notwendigen Freiraum, Einsamkeit, keine Ablenkung durch andere Menschen und alltägliche Banalitäten wie die Sorge ums Essen und Trinken. Und selbst die Versuchungen des Teufels (Lk 4,2) prallen in diesen 40 Tagen offenbar wirkungslos von Jesus ab.

Aber irgendwann, nach den 40 Tagen, da hat der Alltag ihn wieder, kommt dann doch der Hunger. Schon das Volk Israel zog es nach anfänglicher Begeisterung um den Preis der gerade erst erlangten Freiheit aus der Wüste zurück ins Land der Pyramiden, an die Fleisch­töpfe Ägyptens, wo es Brot genug zu essen gab (vergleiche Ex 16,3). Der Hunger macht schon seit jeher die Menschen schwach. Und Jesus ist eben auch (wenn auch – wohlgemerkt – nicht nur!) ein Mensch. Das weiß der Teufel – und errichtet vor Jesu Augen tatsächlich mitten in der Wüste eine „Pyramide“, eine groteske Fata Morgana all dessen, was seit jeher vorgibt, Menschen satt machen zu können: maßloser Genuss, Reichtum, Macht, Pracht, Selbstverwirklichung, ein Ego als Dreh- und Angelpunkt der Welt, das um seinetwillen den Engeln und sogar Gott selbst Beine machen möchte. So steht es ja wohl auch geschrieben – der ultimative Hebel, den der Teufel ansetzt. Und es kostet fast nichts – nur ein bisschen „Teufel-anbeten“. Also – wie wär’s? Allerdings: Jede Pyramide, und sei sie noch so großartig, ist und bleibt doch nur ein Grab, in den Sand gesetzt, für einen toten Pharao Ägyptens, der sich als Sohn des Sonnengottes Re verehren ließ. Statt Erfüllung wohl doch nur Völlegefühl.

Kommt mir das bekannt vor? Ich erinnere mich: Es gab Situationen, da habe ich die Nähe Gottes fast körperlich gespürt, Nähe, Klarheit, Erfüllung, Neuanfang, Aufbruch, Weite, alle Sorgen und Bedenken oder gar Zweifel ganz weit weg. Und jetzt? Gibt es ihn noch, den Hunger nach mehr, den nur Gott allein stillen kann? Wonach hungere ich? Wo werde ich schwach? Was macht mich wirklich satt? Was erfüllt mich? Und welche Rolle spielt Gott dabei?

Die 40 Tage der Fastenzeit laden ein, als Mensch wieder diesen Hunger nach mehr in sich zu spüren, mich von Gottes Geist neu erfüllen, bewegen, begeistern und hinausrufen zu lassen.

Zum Autor: Ansgar Wiemers ist Pastor im Pastoralverbund Paderborn Mitte-Süd.

Diesen Artikel teilen:

Ähnliche Artikel