Hüter der Tiere und Landschaft

Schäfer heute – zwischen Romantik und Wirtschaftsunternehmen

Maria Linsmann bringt die Lämmer zum Auto, um sie gemeinsam mit den Muttertieren zum warmen Stall zu fahren. Foto: Nückel

 

Balve-Garbeck. Ostern verbinden die Menschen mit dem Osterlamm – nicht nur religiös. Denn um Ostern herum werden meist viele Lämmer geboren. Es ist immer niedlich anzusehen, doch der Beruf des Schäfers ist mit harter Arbeit verbunden.

Es ist gut eine Woche vor Ostern. Die Sonne lacht an diesem warmen Frühlingstag vom blauen Himmel. Als Reinhard und Maria Linsmann zu ihrer Schafherde auf die Wiese nahe Balve-Mellen kommen, gibt es eine schöne Überraschung: Drei Muttertiere haben Nachwuchs bekommen – einmal sind sogar Drillinge darunter. Obwohl sie noch etwas unbeholfen sind, suchen sie schon das Euter der Mutter. Die Kleinen haben Hunger.

Maria Linsmann bringt die Muttertiere und ihre Lämmer nach einer Weile auf den Anhänger. Sie bleiben nicht mehr draußen, sondern werden die nächste Zeit im Stall verbringen. Reinhard Linsmann treibt derweil die Herde ein Stück weiter auf die nächste Wiese.

„Romantik? – Jetzt im Moment, bei diesem schönen Wetter, ja“, sagt Linsmann auf die Frage, ob der Beruf des Schäfers so romantisch sei, wie sich die Menschen ihn landläufig vorstellen. „Aber“, so fügt er hinzu, „wir sind natürlich auch ein Wirtschaftsbetrieb.“ Die Schafe sind der Lebensunterhalt der Linsmanns – und das bedeutet auch harte Arbeit.

Von industrieller Landwirtschaft ist eine Schäferei weit entfernt. „Bei uns ist alles Handarbeit“, sagt Maria Linsmann. Die ganze Familie packt mit an – auch die drei Söhne, die noch zur Schule gehen oder eine Ausbildung machen. „Schafzucht ist keine Produktion, sondern naturnahe Haltung“, betont auch Rochus Rupp von der Schafberatung der Landwirtschaftskammer NRW. „Es ist die natürlichste Nutztierhaltung, die es gibt“, erläutert Rupp.

Schafe sind nützliche Tiere. „Wenn die Schafe die ersten Spitzen auf den Wiesen abfressen, dann wird das Gras dichter“, erklärt Reinhard Linsmann. Den ganzen Winter hat er die Tiere im Freien lassen können, weil das Wetter mild war. „Die Bauern sind hinter uns hergelaufen, weil es viel Futter gab.“ Doch diese Zeit neigt sich nun dem Ende zu. „Wenn Gülle gefahren wird, ist es für uns auf den Wiesen vorbei“, meint der Schäfer.

Wie viele Berufskollegen Reinhard Linsmann in Nordrhein-Westfalen hat, ist schwer zu sagen. „Richtige Schäfereien ab 100 Schafe aufwärts gibt es um die 200“, sagt Rochus Rupp. Die Linsmanns gehören mit ihren rund 500 Muttertieren zu den großen Betrieben. Sie haben einen Stall neben dem Wohnhaus in Balve-Garbeck und noch einen großen neuen Stall außerhalb des Dorfes.

Reinhard Linsmann hat viel in die Schäferei investiert. Doch es gibt auch wirtschaftlichen Druck. Vor allem die Billig-Importe aus dem Ausland ärgern ihn. „Frisches Lammfleisch aus Irland oder Australien – das geht nicht“, stellt er fest. Was so etikettiert angeboten werde, sei gefroren gewesen – im Grunde ein Betrug am Verbraucher. Das Lammfleisch aus dem Ausland sei zwar billiger, aber frisch könne es eben nicht sein.

Auf der anderen Seite reichen die in Deutschland aufgezogenen Lämmer nicht aus, um den Bedarf zu decken. „Wir haben etwa 50 Prozent Einfuhren“, weiß Rochus Rupp. Lammfleisch sei zwar kein „Mainstream-Nahrungsmittel“, so Rupp, aber es gebe Bevölkerungsschichten, die sich bewusst ernähren. „Und auch die ausländischen Mitbürger essen traditionell“, berichtet Rupp. Das erhöht den Bedarf an Lammfleisch.

Wirtschaftlich hat sich bei den Schäfereien vieles geändert. „Früher war der Verkauf der Wolle die Haupteinnahmequelle der Schäfer, heute ist es der Fleischverkauf“, berichtet Reinhard Linsmann. Für Ostern liefert er junge Böcke an einen heimischen Metzger sowie in den Raum Dortmund. „Restaurants wollen nur die Edelstücke.“ Und Schäfereien, die melken und Käse herstellen, sind in vielen Gegenden nicht rentabel – nicht einmal als Hobby. Dafür braucht man schon ein entsprechendes zahlungskräftiges Publikum.

Während er erzählt, blickt der Schäfer immer auf seine Herde. Die Schafe grasen, bewegen sich wenig. „Jetzt im Frühjahr sind sie immer ruhiger“, stellt Linsmann fest. Denn viele der Tiere sind trächtig. Der Hütehund liegt bei seinem Herrchen. Für ihn gibt es wenig zu tun. „Der denkt sich heute Abend sicher: Warum bin ich überhaupt mitgegangen?“, lacht der Schäfer.

Auch wenn er nicht mehr Tag und Nacht bei der Herde ist, so ist das Hüten der Schafe für Reinhard Linsmann auch heute noch nötig. „Man kann nicht alle Flächen einzäunen“, erläutert er. Zudem habe er durch das Hüten eine bessere Kontrolle über die Tiere und könne zum Beispiel schon im Frühstadium erkennen, ob ein Tier krank ist. „Und das Hüten schafft eine ganz andere Bindung zu den Tieren“, sagt Linsmann.

Am Nachmittag zieht er mit der Herde von rund 100 Schafen weiter nach Langenholthausen. Maria Linsmann fährt mit dem Auto vor und zäunt das Gelände ein. „Ich mache alle Arbeiten mit“, betont sie. Doch bevor es zum Zäunen geht, hat Maria Linsmann daheim im Stall noch eine wichtige Aufgabe zu erledigen: „Lämmli“ hat Hunger. Maria Linsmann holt eine Flasche mit Milch und füttert das Schäfchen. Die Mutter hat nicht genug Milch für ihre beiden Kleinen. „Lämmli“ hat die Flasche im Nu leer getrunken. „Bei den neuen Drillingen brauche ich mehr Geduld“, erzählt Maria Linsmann. Drillinge sind zwar immer schön anzusehen, aber sie machen viel Arbeit.

Auch wenn der Arbeitstag – gerade jetzt in der Lämmer-
zeit – sehr lang ist, beklagt sich die Familie Linsmann nicht. Etwas mehr Rückhalt aus der Politik würde sich Maria Linsmann für die Schäfer schon wünschen. „Aber wir haben keine Lobby“, meint sie. Dabei müssten doch eigentlich alle Naturschützer hinter den Schäfern stehen. „Wir betreiben schließlich wichtige Landschaftspflege“, betont sie.

Wie es mit dem Beruf des Schäfers weitergeht, darüber sind sich die Experten nicht einig. „Der Beruf stirbt nicht aus. Es werden nur einige Betriebe nicht weitergeführt“, stellt Rochus Rupp fest. „Vor allem die größeren Betriebe ab 150 Schafe werden weniger“, meint Reinhard Linsmann. Einig sind sich beide, dass man mit einer Schäferei nicht das schnelle Geld machen kann. „Schäfer sind oft Idealisten, für die Geld nicht alles bedeutet“, ist sich Rupp sicher. Und Linsmann meint: „Wenn man das nicht mit Liebe macht und voll dahintersteht, braucht man es erst gar nicht anzufangen.“

Auch Maria Linsmann sieht die schönen Seiten des Berufes: „Wenn kleine Lämmer geboren wurden und alles ist gut gegangen, dann freuen wir uns. Und wenn ein Schaf so anhänglich ist wie Lämmli, dann entschädigt das für vieles.“

von Matthias Nückel

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