In guter Gesellschaft – Thomas und wir

Der Friedensgruß in der Liturgie hat eine gesellschaftliche Konsequenz und Bedeutung.

Der Auferstandene bringt den Frieden. Foto: Schaube

 

Wenn wir Jesus richtig kennenlernen wollen, dann anhand dieses Textes aus dem Johannesevangelium. Der Auferstandene erscheint seinen Freunden mit dem Gruß: „Der Friede sei mit euch!“ Dreimal kommt der Wunsch in den wenigen Zeilen vor – warum diese Wiederholungen? Vielleicht, weil die Botschaft weitaus wichtiger ist als die eingefügte Geschichte vom „ungläubigen“ Thomas, die uns irgendwie „anrührt“ und immer aufs Neue beschäftigt.

Das Interesse des modernen Menschen gilt nun mal den Fragen von Glauben und Wissen: Können wir unseren Sinnen trauen? Wie ist das mit dem Vertrauen? Und wenn es um die wichtigen Dinge des Lebens geht: Gilt das Wort Jesu? Bringt uns seine Botschaft vom Leben über den Tod hi­naus nicht an den Rand unserer alltäglichen Erfahrungen?

So gesehen ist Thomas der Prototyp des heutigen Christen, und wir sind ihm ganz nah in seiner nüchternen Skepsis, seinen Vorbehalten und bohrenden Fragen.

Und trotzdem: Anhand dieser Thomas-Geschichte können wir Jesus nicht näher kommen als der Jünger (immerhin einer der Zwölf), dem es vergönnt war, durch Tatsachen und Beweise überzeugt zu werden. Dann allerdings kommt ihm das Glaubensbekenntnis leicht über die Lippen: „Mein Herr und mein Gott!“

Die Begegnung des „ungläubigen Thomas“ mit dem auferstandenen Herrn mag ein sonderbares Wiedersehen gewesen sein. Wir erfahren nicht mehr darüber als die überraschende Seligpreisung Jesu: „... Selig sind, die nicht sehen und doch glauben.“

Damit ist das Problem (der Glaubenszweifel und des Unglaubens) vorerst erledigt. Und auch wir könnten die Sache auf sich beruhen lassen, wenn da nicht der Rahmen dieser Geschichte wäre.

Jesus begegnet den Jüngern, sagt ihnen das Friedenswort, schenkt ihnen den Heiligen Geist und erscheint ihnen in „vielen Zeichen“ als der Messias, der Sohn des lebendigen Gottes. Jetzt geht es nicht nur um Thomas, jetzt geht es um uns. Denn wenn wir uns um den „Tisch des Herrn“ versammeln, könnte er in unsere Mitte kommen und uns seinen Gruß zurufen: „Der Friede sei mit euch!“ Und wir würden uns freuen, ihn zu sehen. Und wir müssten uns fragen, was das bedeutet und was diese Begegnung für Folgen zeigt. Wenn wir diese Situation konkret machen, fangen die wirklichen Probleme unseres Glaubens an. Warum?

Die christliche Gemeinde versammelt sich, sucht und findet immer neu ihre Mitte: Jesus Christus. Das Hören auf sein Wort und das Teilen des Brotes im Sakrament der Eucharistie werden zur lebensgestaltenden Kraft, zu einer sprudelnden Quelle des Friedens. Weil das so ist, sprengt jeder Gottesdienst die Mauern unserer manchmal kleingläubigen Grundhaltungen und unseres Versagens.

Die liturgische Feier wird zu einem Fest der Vergebung und Versöhnung. Jeder, der von Jesus so „berührt“ wird, macht heilsame Lebenserfahrungen, die immer mit Wandel und Umkehr zu tun haben. „Der Friede sei mit euch!“, sein heilbringender Zuspruch wird zur Brücke von Mensch zu Mensch, zu einem Grat über die vielen Widersprüche, Brüche und Zerwürfnisse im persönlichen wie im gesellschaftlichen Leben. Durch seinen Friedensgruß bringt Jesus uns auf Augenhöhe mit allen Menschen; denn „wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch“.

So gesehen wird die Frohe Botschaft zum Ernstfall: Wir dürfen die Kraft unseres Glaubens radikal erfahren. So gestärkt sind wir unterwegs in guter Gesellschaft – mit Jesus und Thomas.

Werner Schaube

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