In guten und in schlechten Tagen

Die moderne Palliativversorgung macht den Abschied in der vertrauten Umgebung möglich

„Zurück an die Wurzeln des Berufs“: Inge Rüther (li.) und Elke Robrecht, Palliativ-Care-Pflegekräfte im häuslichen Palliativpflegedienst des Caritasverbandes Paderborn. Foto: Flüter

 

Paderborn. Am Anfang steht der Schock, eine schwerwiegende Diagnose, eine nicht heilbare Krankheit. Wenn die ärztliche Kunst am Ende scheint und eine Therapie unmöglich, stehten Dienste, Einrichtungen und Ärzte der Palliativversorgung bereit. Sie begleiten schwerstkranke und sterbende Patienten, um die Lebensqualität der letzten Tage so gut wie möglich zu gestalten.

„Auf keinen Fall in einem Krankenhaus sterben“: Das war Melitta Mikus wichtig, als sie im Juni 2013 von ihrer Krebsdiagnose erfahren hatte. Sie wollte aktiv bleiben, weiter leben. Obwohl sie von der Schwere ihrer Krankheit wusste, verreiste sie 2014 noch mit ihrem Mann und ihrer Familie.

Im Dezember des Jahres verschlechterte sich ihr Gesundheitszustand. „Es ging rasend schnell“, erinnert sich Diana Wiebusch, die Tochter. Die Familie hatte sich vorbereitet und bereits mit der Palliativstation in der Karl-Hansen-Klinik in Bad Lippspringe und dem Hospiz „Mutter der Barmherzigkeit“ in Paderborn Kontakt aufgenommen. Beide Einrichtungen waren jedoch belegt. Der Ambulante Palliativpflegedienst des Caritasverbandes Paderborn konnte sofort reagieren. Wenige Stunden später stand eine Mitarbeiterin der Caritas vor der Tür. Sie übernahm die Pflege, vor allem aber gelang es ihr, die großen Sorgen von Diana Wiebusch zu beruhigen. „Das hat mir gleich die Angst genommen“, sagt sie.

„Du schaffst das schon“

Am nächsten Tag kam „Max“ – Altenpfleger und einziger männlicher Mitarbeiter im Team des Caritas-Palliativpflegedienstes – zum ersten Mal ins Haus. Er sollte in den nächsten Tagen zum engen Begleiter der Familie werden – nicht nur, weil er unverzichtbar für die Pflege war, sondern weil er zum wichtigsten Ansprechpartner für alle wurde.

Irgendwann, als Schlafmangel und körperliche Erschöpfung, Selbstzweifel und Angst Diana Wiebusch besonders zusetzen, nahm Max sie zur Seite. „Sie schaffen das schon“, habe er ihr gesagt, erinnert sie sich heute. Von da an wusste sie, dass sie der Aufgabe gewachsen war: „Man wächst über sich hinaus.“

Die Mitarbeiter im Ambulanten Palliativpflegedienst des Caritasverbandes Paderborn sind examinierte Pflegekräfte mit der zusätzlichen Qualifizierung „Palliativ Care“. Auch Elke Robrecht und Inge Rüther gehören dem Team an. Sie sind Fachfrauen, erfahren in palliativpflegerischer Versorgung.

Ihre Patienten leiden nicht unter großen Schmerzen oder Symptomen wie Atemnot, sagt Elke Robrecht: „Keiner muss tapfer sein und unnötige Schmerzen aushalten.“ Die moderne Medizintechnologie und eine hochprofessionelle Pflege machen es möglich. Elke Robrecht und Inge Rüther setzen Schmerzpumpen ein oder sie verabreichen Infusionen, sie versorgen die Patienten mit Portnahrung.

Die pflegerische Kompetenz ist unverzichtbar, aber fast noch wichtiger ist die menschliche Zuwendung. Mitgefühl und Stärkung, Motivation und Sicherheit bräuchten ihre Klienten vor allem, sagt Elke Robrecht. Am Anfang ihrer beruflichen Laufbahn hat sie im Krankenhaus gearbeitet. Dort hatte sie das Gefühl, den Patienten nicht wirklich gerecht werden zu können. Die Pflege Schwerstkranker habe sie zurückgeführt an die „Wurzeln des Berufs“, sagt sie.

Den Tagen mehr Leben geben

Einer der meistzitierten Sätze in der Palliativ- und Hospizbewegung stammt von Cicely Saunders. „Es geht nicht darum, dem Leben mehr Tage zu geben, sondern den Tagen mehr Leben“, hat die Vordenkerin des Hospiz-Gedankens gesagt. Dinge zu Ende bringen, mit Angehörigen und Verwandten noch einmal zusammen sein, einen Abschluss finden: Das alles gehört zum Wesenskern von Palliativpflege und Hospizarbeit.

Heribert Lippok hat das erlebt. Im September 2014 ist seine Frau Irene gestorben. Ein halbes Jahr zuvor hatte sie im Krankenhaus erfahren, dass ihr Krebsleiden nicht heilbar war. „Die Diagnose war ein böser Schock“, erinnert sich Heribert Lippok an die Tage im Februar 2014. „Eine Woche bis zu einem Jahr“ Lebenserwartung habe seine Frau noch, lautete der Befund.

Wenn er von den letzten Monaten erzählt, die er gemeinsam mit seiner Frau verbringen konnte, klingt so etwas wie Versöhnung durch – obwohl es ein hartes Schicksal war, das sie getroffen hatte. Seine Frau war 62, sie hatte vor, wie ihr Mann, der ehemalige Domküster, in den Ruhestand zu treten. Trotz aller Bitterkeit: Es ist Irene Lippok mit der Hilfe ihres Mannes und der Unterstützung der Palliativ­pflege gelungen, die Zeit, die sie noch hatte, für erfüllte Tage zu nutzen.

Zusammenarbeit ist wichtig

Dabei war der Auftakt wenig verheißungsvoll. Heribert Lippok hatte sich auf den Tag vorbereitet, an dem seine Frau aus dem Krankenhaus entlassen wurde. Das Pflegebett stand im Wohnzimmer. Als die Malteser sie in die Wohnung brachten, sah Irene Lippok immer noch aus wie eine Intensivpatientin. Sie wurde mit Sauerstoff versorgt. Die Zugänge, die man ihr im Krankenhaus gelegt hatte, waren noch nicht entfernt.

Die Pflegekräfte des Pallia-
tivpflegedienstes kamen morgens und abends ins Haus. Sie waren auch bei Notrufen innerhalb weniger Minuten zur Stelle. Dennoch war Heribert Lippok nach drei Tagen vollkommen erschöpft. Er hatte kaum geschlafen, seiner Frau ging es immer schlechter. Die Caritas-Mitarbeiterinnen informierten den Hausarzt, der nahm Rücksprache mit der Palliativstation in der Karl-Hansen-Klinik. Am nächsten Tag konnte Irene Lippok dort ein Einzelzimmer beziehen.

Palliativpflege ist nichts für Einzelgänger. Die schwere Aufgabe kann nur im Team gelöst werden, sonst drohen Überforderung und Erschöpfung. Deshalb haben sich die Beteiligten der Palliativ- und Hospizarbeit in Netzwerken zusammengeschlossen. Die Netzwerkzentralen lenken die Zusammenarbeit und vermitteln den Kontakt zwischen den Patienten und Angehörigen auf der einen Seite, Ärzten, Pflegediensten, Palliativstationen und Hospizdiensten auf der anderen Seite.

So ist es auch in Paderborn. Der Caritasverband arbeitet eng mit dem „Paderborner Palliativnetz e.V.“ zusammen. „Die Kooperation ist für uns selbstverständlich“, sagt Elisabeth Kropp, die Leiterin des ambulanten Palliativdienstes der Caritas. Die Akteure im Netzwerk kennen sich gut. Oft reicht ein Telefonanruf, um Unterstützung oder eine Verlegung in die Wege zu leiten.

Im Fall von Irene Lippok machte die rasche Abstimmung zwischen häuslichem Palliativdienst und Palliativstation einen Neubeginn möglich. So konnte Irene und Heribert Lippok noch einen Sommer gemeinsam verbringen. Als Heribert Lippok seine Ehefrau nach Ostern wieder zu Hause begrüßte, ging es Irene Lippok deutlich besser. „Sie war schwach“, sagt Heribert Lippok, „aber die Lebensqualität war wieder da.”

Das Ehepaar besuchte Verwandte im Sauerland und traf zu Libori Freunde in der Stadt. Zu Hause erledigte Irene Lippok die Hausarbeit, sie kochte und bügelte. „Es war wie ein Wunder“, sagt Heribert Lippok. Wir haben nicht mehr an den Tod gedacht.“

Die Schwestern des Palliativ­pflegedienstes kamen regelmäßig jeden Tag in die Wohnung. Alle drei Tage klebten sie Irene Lippok ein Schmerzpflaster auf, das machte sie so gut wie schmerz- und symptomfrei. „Wir haben gemeinsam viel gelacht und gescherzt“, erinnert sich Herbert Lippok.

Im August 2014 besuchte Irene Lippok, die als Altenpflegerin gearbeitet hatte, noch einmal ihre Kollegen im Paderborner Altenheim Westphalenhof.

Seine Frau hatte zunehmende Schwierigkeiten zu essen und zu trinken, sie zog sich immer häufiger in sich selbst zurück.

„Schließlich rief Schwester Uschi Dr. Stange in der Karl-Hansen-Klinik an“, erzählt Heribert Lippok von den dramatischen Stunden.

Der Mediziner kam noch am selben Abend nach Paderborn zu einem Hausbesuch und ordnete die Verlegung an. Irene Lippok wurde am nächsten Tag auf die Station verlegt – auf ihren eigenen Wunsch. „Ich war dort gut aufgehoben, dort will ich wieder hin. Dann musst du dir nicht mehr so viel Gedanken machen“, erinnert sich Heribert Lippok an ihre Worte. Zwei Tage später starb Irene Lippok in der Karl-Hansen-Klinik.

„Die meisten Palliativpatienten haben keine Angst vor dem Tod, sondern sie fürchten sich vor dem Sterben, den Schmerzen und der Einsamkeit“, hat die Palliativ-Care-Pflegerin Inge Rüther festgestellt.

Die Schmerzen kann die Palliativpflege weitgehend in den Griff bekommen. Allerdings brauchen die Patienten nicht nur eine optimierte Schmerz­therapie und Symptomkon­trolle, sondern vor allem Mitgefühl und Verständnis.

Das gilt auch für die Angehörigen. „Je weiter fortgeschritten der Krankheitsverlauf ist, desto mehr müssen wir uns um die Angehörigen kümmern“, sagt Inge Rüther. Diese Stärkung ist wichtig, denn die Angehörigen, Freunde oder Nachbarn sind wichtig. Ohne ihre Hilfe stößt die ambulante Palliativpflege schnell an ihre Grenzen.

Damit der Abschied gelingt

Wenn Palliativ- und Hospizarbeit gelingen, dann machen sie vieles leichter. Tod und Sterben verlieren ein wenig von ihrem Schrecken.

Auch die spirituelle Bedeutung wird weniger von Angst, Sorgen und Kummer überlagert. Den Abschied von seiner Frau so erlebt zu haben, habe ihn in seinem Glauben gefestigt, sagt Heribert Lippok.

Dennoch sind die Möglichkeiten der Palliativ­pflege in der Öffentlichkeit kaum bekannt. Tod und Sterben sind Themen, die immer noch verdrängt werden.

Das mangelnde Wissen über die Palliativversorgung erlebt auch Inge Rüther häufig, wenn sie über ihren Beruf spricht. Immer wieder werde sie gefragt, wie sie denn die Arbeit mit Sterbenden schaffen könne, berichtet sie: „Ich sage dann, dass das der beste Beruf ist, den ich mir vorstellen kann!“

Heribert Lippok hat nicht vergessen, wie sehr die Palliativpflege seiner Frau und ihm geholfen hat. „Dafür bin dankbar“, sagt er: „Weil es den ambulanten Palliativpflegedienst und die Palliativstation gab, konnten wir bis zuletzt, in guten und in schlechten Tagen, zusammenbleiben.“

Karl-Martin Flüter

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