Gottes Zumutung

von Dechant Manfred Pollmeier, Dekanat Herford-Minden

Gottes Liebe ist maßlos. Sie hört nicht dort auf, wo menschliche Liebe zerbricht. (Foto: like.eis.in.the.sunshine/photocase.de)

 

„Die Ehe ist eine Zumutung“, so sagte mir eine Frau, die lange um ihre Ehe gekämpft hat und nun alleine lebt. Was klingt da an? Verbitterung oder doch eher die Überzeugung, dass es unmöglich erscheint, das zu erfüllen, was mit einer Ehe verlangt wird. Bezieht man die steigende Zahl der Single-Haushalte mit ein und die hohe Scheidungsrate, dann kann man davon ausgehen, dass viele Menschen in unserem Land dieser Meinung sind.

Ganz offensichtlich gibt es eine solche Auffassung über die Ehe nicht erst heute. Zurzeit Jesu herrschte bereits eine gängige Scheidungspraxis. Offensichtlich empfand man es schon damals als schwierig für Mann und Frau, ein solches Versprechen durchzuhalten. Bei genauerem Hinsehen war die Scheidungspraxis obendrein sehr einseitig: Ein Mann durfte die Frau aus der Ehe entlassen mit Brief und Siegel. Und die Gesetzeslehrer diskutierten, welche Gründe man da geltend machen durfte. In diese Diskussion wird nun Jesus im heutigen Sonntags­evan­gelium hineingenommen. Der Autor des Markus­evangeliums informiert sogleich den Leser, dass die Fragesteller Jesus eine Falle stellen wollen. Denn wie so oft stehen die Antworten trotz der Fragen schon fest.

Die Ehe ist eine Zu–mutung würde vielleicht Jesus uns heute auch sagen. Da wird den Menschen tatsächlich etwas zugemutet. Gott mutet zu, macht Mut, ermutigt, sich darauf einzulassen. Ich denke da an konkrete Menschen: die aufgeschlossene Frau, die nach einer gescheiterten Ehe wieder geheiratet und mit ihrer Familie bei mir in der Gemeinde eine Heimat gefunden hat; die ältere Dame, die mir neulich erzählte, sie und ihr Mann hätten sich auseinandergelebt und ihre Ehe bestünde nur noch auf dem Papier. Meine Frage heißt: Kann ich diesen Menschen deutlich machen, dass Jesus nicht den Stab gebrochen hat über die, deren Ehe gescheitert ist, deren Treueversprechen nicht mehr durchzuhalten war? Kann ich ihnen den Blick dafür öffnen, dass hinter diesem scheinbar harten Gebot „was aber Gott verbunden hat, das darf der Mensch nicht trennen“ (Mk 10, 9) Jesu befreiende und frohe Botschaft steckt?

Es geht Jesus nicht um Rechtsnormen, also um Scheidungsgründe, ob eine Ehe bei jener Tat oder bei bestimmtem Verhalten geschieden werden kann. Das sollen andere klären. Ihm geht es einerseits um die Gleichstellung der Frau und erinnert an die Schöpfungsordnung, in der die Würde und Gleichberechtigung von Mann und Frau grundgelegt ist (vgl. Mk 2,6). Vor diesem Hintergrund werden die Worte Jesu zu einer frohen Botschaft. Und andererseits ist für ihn maßgebend, dass er den Gott der Liebe und Treue verkünden will. In der ehelichen Liebe und Treue soll Gott in der Welt erfahrbar werden. Das ist Jesu Zumutung und Ermutigung: Liebe und Treue als Angebot Gottes zu verstehen. Diese Liebe und Treue ist so großartig, dass sie Kraft, Zeit und Geduld gibt, und dass sie zur Liebe fähig macht, weil du dich geliebt weißt.

Dabei steht keinem zu, eine gescheiterte Ehe zu verurteilen, deren Liebe zu Ende ist.

Ich denke an die geschiedene und wiederverheiratete Frau, und an die ältere Dame, deren Ehe nur noch auf dem Papier besteht: Können sie in meiner Gemeinde und in unserer Kirche etwas von Gottes maßloser Liebe spüren, die dort nicht aufhört, wo menschliche Liebe zerbricht?

Gedanken zum Evangelium des 27. Sonntags im Jahreskreis, Lesejahr B, Mk 10,2-16

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