Gottes Angesicht leuchtet

von Claudia Auffenberg

Mr. Spock mit dem Vulkaniergruß. Foto: dpa

 

Das neue Jahr beginnt in der Kirche mit einer der schönsten Bibelstellen, dem aaronitischen Segen, nachzulesen in dieser DOM-Ausgabe auf S. 16 als erste Lesung.

Im 6. Kapitel des Buches Numeri kommt nach einer langen Aufzählung von Vorschriften und Regeln auf einmal dieser kurze Text. Gott sendet Mose, um seinen Bruder Aaron und dessen Söhne mit dem Segnen zu beauftragen, und er nennt ihm sogar den Wortlaut: „So sollt ihr die Israeliten segnen.“

Und dieser Wortlaut ist eine verbale Decke, in die man sich hüllen möchte. Das gilt vor allem für den mittleren Vers: „Der Herr lasse sein Angesicht über dich leuchten.“ Mit „Angesicht Gottes“ ist die Gegenwart Gottes gemeint, die einen ja durchaus verunsichern kann – so, wie wenn an der Ampel ein Polizeiauto neben einem steht. Doch Gottes Angesicht ist nicht einfach nur da, es leuchtet über den zu Segnenden. Und was ein leuchtendes Gesicht ist, haben hoffentlich viele in diesen Weihnachtstagen erlebt und dann auch erfahren, wie ein solches Gesicht zustandekommt. Es hat mit Freude, mit Glück, mit Wohlwollen zu tun. Das Hinschauen Gottes ist also kein Grund, in Deckung zu gehen – im Gegenteil. Ein solches liebevolles Angesehenwerden braucht man doch zum Leben – besonders als Kind und natürlich auch später als Eltern, als Kollege, als Chef, als ehrenamtlich engagiertes Mitglied eines Gremiums, eines Vereins oder einer Gemeinde, als Politiker, als Priester, als Pfarrverbundsleiter, als Bischof und ganz sicher als kranker oder sterbender Mensch.

Wenn man das bedenkt, muss man sich wundern, dass dieser Text in der katholischen Praxis lange Zeit fast unentdeckt blieb. Ob das etwas damit zu tun hatte, dass er seit Luthers Zeiten zur evangelischen Liturgie gehört? Erst seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil gehört er zu den fünf Auswahltexten für den Schluss­segen der Sonntage im Jahreskreis. Diese wunderbare Lesung ist nun für die Lektoren eine besondere Herausforderung. Deren Aufgabe ist es ja nicht, irgendeinen Text vorzulesen, sondern sie verkünden Gottes Wort. Deswegen ist es in der Regel auch nicht Sache des Diakons, des Priesters und schon gar nicht des Bischofs, die Lesung zu übernehmen. Sie, die später das Wort auslegen werden, sollen es zunächst selbst hören.

Die Herausforderung an Neujahr liegt nun darin, dass diese Lesung nicht nur besonders schön, sondern auch besonders kurz und somit besonders schnell vorbei ist. Das Katholische Bibelwerk empfiehlt Lektoren daher zum Gelingen des Vortrages: „Stellen Sie sich vor Ihrem inneren Auge eine Abschiedsszene von einem geliebten Menschen vor, dem Sie diesen Segen voller In­brunst und mit all Ihrer Liebe mit auf den Weg geben wollen.“

Abschließend etwas aus der Kategorie „Unnützes Wissen“: Das Bild oben zeigt die Geste, mit der bei Juden der aaronitische Segen erteilt wird. Diese Geste hat in den 1960er-Jahren eine erstaunliche Karriere gemacht, nämlich als Gruß des Vulkaniers Mr. Spock in der Fernsehserie „Raumschiff Enterprise“. Spock-Darsteller Leonard Nimoy hatte als Kind in einer Synagoge diesen Segen erlebt und die Geste, allerdings mit nur einer Hand, übernommen. Heute grüßen sich so weltweit die Fans der Serie – wenn sie es hinbekommen. Der dazugehörige Spruch autet: „Live long and prosper“, meistens übersetzt mit: „Lebe lang und in Frieden“. Auch eine Art Segen.

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