Friedlich, weltoffen und ökumenisch

Im Reformationsgedenkjahr wurden nicht alle Erwartungen erfüllt

Ein ökumenischer Höhepunkt des Jahres war der Versöhnungsgottesdienst am 11. März 2017 in Hildesheim. Jugendliche richteten das „Christuskreuz“ auf. Foto: KNA

 

Berlin (KNA). Der Erfolg oder Misserfolg einer Sache ist immer auch eine Frage der Erwartungen. Im Fall des „Reformationssommers“ wurde die Latte hochgelegt – und nicht immer auch erreicht.

von Norbert Zonker

Geht es nach der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), so war das am 31. Oktober zu Ende gehende Reformationsgedenkjahr ein voller Erfolg. Eine soeben veröffentlichte Jubiläumsbroschüre spricht von „vielen Tausend Veranstaltungen mit vielen Millionen Teilnehmern“. Und der EKD-Ratsvorsitzende Heinrich Bedford-Strohm äußert sich „dankbar für ein friedliches und weltoffenes Jubiläum“, das „ohne nationalistische und anti-katholische Stoßrichtung“ gewesen sei. Mit dieser Feststellung hat der bayerische Landesbischof zweifellos recht. Doch mancher Superlativ regt auch zum genaueren Hinsehen an.

Das nach achtjährigem Vorlauf am 31. Oktober 2016 begonnene Gedenkjahr „500 Jahre Reformation“ hat in der Tat die Gestalt Martin Luthers (1483–1546) und die von ihm ausgelösten Ereignisse neu ins Gespräch gebracht. Medienberichte, Bücher, Filme sowie musikalische Veranstaltungen und Bühnenprogramme widmeten sich einer Vielzahl von Einzelaspekten. Allein drei „nationale Sonderausstellungen“ in Berlin, Wittenberg und auf der Wartburg sowie fast 70 weitere regionale Ausstellungen beleuchteten unterschiedliche Facetten – ein „Gedenk-Overkill“, wie der Berliner „Tagesspiegel“ befand. Welche „Botschaft“ damit letztlich vermittelt wurde, wird weiter kontrovers diskutiert. Die Besucherzahlen waren respektabel, aber keineswegs rekordverdächtig – die Events stahlen sich zum Teil gegenseitig die Show.

Vor allem der als Höhepunkt geplante „Reformationssommer“ in Wittenberg blieb hinter den hochgesteckten Erwartungen zurück. Zwar kamen eine halbe Million Besucher zwischen Ende Mai und Anfang September in die „Lutherstadt“, doch nur 60 Prozent von ihnen kauften auch ein Ticket für die aufwendig vorbereitete „Weltausstellung Reformation“. Die übrigen begnügten sich mit der Besichtigung der historischen Orte, etwa der frisch renovierten Schlosskirche.

Der Vizepräsident des EKD-Kirchenamtes, Thies Gundlach, räumte selbstkritisch „systematische Fehler des Erwartungsmanagements“ ein. Vor allem beim Festgottesdienst zum Abschluss des Evangelischen Kirchentages waren die großen Lücken auf dem für 200 000 Besucher vorbereiteten Gelände am Elbufer unübersehbar – es fehlte offenbar ein zugkräftiger Prediger vom Kaliber eines Barack Obama, der drei Tage zuvor in Berlin 70 000 Menschen angezogen hatte.

Ungeachtet dessen wertet Bedford-Strohm den „Reformationssommer“ als gelungen, vor allem mit Blick auf die „geistliche Dimension“ und die intensiven Gespräche, die bei den kleineren Besucherzahlen möglich gewesen seien. Er sei „überrascht, wie viele Ehrenamtliche nicht frustriert waren“, so der Ratsvorsitzende. Die Kirche müsse auch experimentieren und Wagnisse eingehen – nicht alles werde wie gewünscht funktionieren. Besonders das Jugendprogramm mit Konfirmandencamps, Pfadfinder- und internationalen Jugendlagern gehört aus Sicht der EKD zu den Pluspunkten.

Nicht zuletzt in ökumenischer Perspektive war das Jubiläumsjahr ein Erfolg – angefangen mit dem Besuch von Papst Franziskus beim Lutherischen Weltbund im schwedischen Lund zum Beginn der Feiern. In Deutschland wurde besonders betont, dass es nicht darum gehe, eine Art Heldengedenken für Luther zu zelebrieren, sondern ein „Christusfest“ gemeinsam mit den anderen Konfessionen zu feiern. Der „Grundwasserspiegel der Freundschaft“, lobte der Vorsitzende der katholischen Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Reinhard Marx, sei eindeutig gestiegen.

Zugleich stiegen die Erwartungen, dass dies nicht ohne Folgen bleiben dürfe, etwa mit Blick auf die gemeinsame Teilnahme von Protestanten und Katholiken am Abendmahl beziehungsweise der Eucharistie. Eine Frage, die aus katholischer Sicht aber nur auf Welt­ebene geregelt werden kann. Unterdessen prüft die Bischofskonferenz Möglichkeiten, zumindest konfessionsverschiedenen Ehepaaren einen Ausweg zu öffnen.

Die Reformation bestand nicht nur aus Luther, wie häufig betont wurde. Für die in der Tradition der Schweizer Reformatoren Huldrych Zwingli (1484–1531) und Johannes Calvin (1509–1564) Stehenden gibt es in den nächsten Jahren weitere Anlässe zum Gedenken. In Deutschland kehrt für die Protestanten erst einmal wieder der Normalbetrieb ein.

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